{"\ufeffMH: Hallo liebe Podcast-Freundin, hallo lieber Podcast-Freund, bevor du in die Folge startest, der kurze Hinweis, dass aufgrund technischer Probleme meine Tonspur leider von eingeschr\u00e4nkter Tonqualit\u00e4t ist. Daf\u00fcr bitte ich dich um dein Verst\u00e4ndnis, sage danke und w\u00fcnsche dir trotzdem gute Erkenntnisse. \n[Intro Apropos Psychologie]\nMH: Ja, hallo und herzlich willkommen. Ich gr\u00fc\u00dfe dich zu einer neuen Folge unseres Jungfernmann-Podcasts. Apropos Psychologie, heute zu einem sehr sch\u00f6nen Thema, einem Thema, das wir eigentlich mit der Muttermilch schon aufgesogen haben, aber dem wir vielleicht mehr Bedeutung oder auch Bewusstsein schenken sollten. Es geht um die Ber\u00fchrung, darum, wie Ber\u00fchrung K\u00f6rper, Geist und Seele st\u00e4rkt. Dazu spreche ich heute mit Dr. Michaela Maria Arnold. Sie ist \u00c4rztin mit eigener \u00e4rztlicher Praxis bei W\u00fcrzburg mit dem Schwerpunkt Ber\u00fchrungsmedizin und sie hat ein Buch geschrieben, das den Titel tr\u00e4gt \u201eDas Ber\u00fchrungsbuch. Wie Ber\u00fchrung K\u00f6rper, Geist und Seele st\u00e4rkt\u201c. Das ist im Klett-Cotta Verlag erschienen, der diese Folge heute auch pr\u00e4sentiert. So, jetzt freue ich mich ganz besonders Dr. Michaela Maria Arnold hier in unserem Podcast zu begr\u00fc\u00dfen. Hallo, ich gr\u00fc\u00dfe Sie ganz herzlich.\nMA: Ich freue mich, guten Morgen.\nMH: Ja, die Kraft der Ber\u00fchrung ist Ihr Thema. Sie haben das Buch ja Ihrer Tante Magda gewidmet. Ist die Tante der Grund daf\u00fcr, dass Ber\u00fchrungen zu Ihrem Thema geworden sind? Oder,  erz\u00e4hlen Sie mal so ein bisschen.\nMA: Also, das ist eine sch\u00f6ne Frage. Sie ist n\u00e4mlich auf jeden Fall ein Mensch, der meine Ber\u00fchrungsbiografie auf besondere Weise gepr\u00e4gt hat. Das kann ich auf jeden Fall sagen und vor allem nat\u00fcrlich auch im positiven Sinn. Sie hat einfach so eine Art, weil sie so einen ganz liebevollen, warmherzigen Umgang mit mir hatte, also in der Kindheit. Und also, dass mich das beeinflusst hat, da bin ich mir ganz sicher. Und wie es dann darum ging, dass ich ein Buch \u00fcber Ber\u00fchrung schreiben darf, habe ich gedacht, ah, die Widmung ist eigentlich die muss eigentlich f\u00fcr sie gelten, weil sie einfach so mich gepr\u00e4gt hat, w\u00fcrde ich sagen. Und das Witzige ist eigentlich, dass sie selber das noch nicht wei\u00df. Also die Widmung wird sie erst erfahren, wenn ich ihr das Buch vorbeibringe und da freue ich mich schon, wenn ich ihr das Buch bringe und sie dann die erste Seite aufschlagen darf. Sie geht jetzt mittlerweile auch schon auf die 90 zu und ja, ganz toll.\nMH: Ja, das finde ich total sch\u00f6n und es ist ja auch interessant, dass sie sagen, also Ber\u00fchrung, das ist ja so das das Thema, das uns von Anfang an besch\u00e4ftigt, ne? Sie sagen auch, das hat Sie schon als als Kind hat Sie das gefesselt. Also ich find es total spannend und es hat Sie ja auch Ihr Leben lang begleitet, ne? Sie sind promovierte \u00c4rztin f\u00fcr Ber\u00fchrungsmedizin als ganzheitliches Behandlungskonzept. Jetzt so meine erste, ich sag mal so, technische Frage, seit wann gibt es denn diesen Fachbereich \u00fcberhaupt in der medizinischen Fakult\u00e4t.\nMA: Ja, das ist ganz gut, wenn wir das gleich zu Anfang kl\u00e4ren, weil den eigenen Fachbereich Ber\u00fchrungsmedizin gibt es in dem Sinn eigentlich nicht. Das kann man sich n\u00e4mlich eher wie ein Prinzip vorstellen. Also wenn man jetzt zum Beispiel die Ern\u00e4hrungsmedizin nimmt, das ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, finde ich, bei der Ern\u00e4hrungsmedizin, da geht es auch nicht um einzelne Bereiche, sondern eher um eine prinzipielle Einstellung, dass gesunde Ern\u00e4hrung hilfreich ist, also ganz unabh\u00e4ngig vom Krankheitsbild. Und so kann man sich das auch f\u00fcr die Ber\u00fchrungsmedizin vorstellen. Es ist also kein einzelnes isoliertes Fachgebiet, das sich auf bestimmte Krankheitsbilder konzentriert, sondern es geht eher darum, die gesundheitsf\u00f6rderliche Wirkung von Ber\u00fchrung insgesamt in die Medizin zu bringen. Also wir haben ja als Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Ber\u00fchrungsmedizin diesen Begriff gepr\u00e4gt, um einfach auch zu zeigen, dass Ber\u00fchrung an wichtigen Stellen Stellenwert in der Medizin hat oder ich sag mal, vielleicht viel mehr haben sollte. Und wir vertreten halt auch die Erkenntnisse, dass wenn man Ber\u00fchrung auch therapeutisch einsetzt, wie gesundheitsf\u00f6rdernd das sein kann, aber es ist in dem Sinn kein eigenes Fachgebiet oder kein eigenen Fachbereich, ne. Und soll es auch gar nicht sein, weil ich viel mehr denk, wir brauchen das in unserem ganzen Gesundheitswesen, mehr das Bewusstsein f\u00fcr Ber\u00fchrung.\nMH: Aber ist die Ber\u00fchrungsmedizin trotzdem noch ein ja, sag ich mal, recht junger Bereich.\nMA: Auf jeden Fall. Also das ist ein Thema, das jetzt im Kommen ist, das merke ich einfach auch am Interesse, am wissenschaftlichen Interesse, auch das Gebiet mehr zu erforschen. Wir haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten mehr und mehr herausgefunden, wie sich Ber\u00fchrung auf uns Menschen auswirkt und diese Erkenntnisse finden auch langsam den Transfer in unserer Gesundheitsversorgung. und da haben wir, ich sag mal, 2022 war das, dass wir die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Ber\u00fchrungsmedizin gegr\u00fcndet haben, die da so 'n Meilenstein war, weil wir uns da ganz speziell daf\u00fcr zusammengetan haben, mehr Ber\u00fchrung wahrzunehmen, zu begreifen, zu erforschen. Und deswegen denk ich schon, ja, man kann sagen, das ist 'n junges Gebiet.\nMH: Mhm, Sie, Sie sind ja gelernte Masseurin und und und medizinische Bademeisterin. K\u00f6nnen Sie uns so kurz erz\u00e4hlen, wieso die Ber\u00fchrung Sie auch beruflich dann weitergetragen hat?\nMA: Ja, das ist eigentlich ganz interessant, weil man kann schon so sagen, dass sich das Thema Ber\u00fchrung durch meine ganze berufliche Biografie durchzieht. Ich hab als ganz junge Frau direkt nach der Schule erst mal die Ausbildung zur Masseurin gemacht und ich glaub, das war f\u00fcr mich so ein Wendepunkt, weil ich da gemerkt hab, oh hoppla, man kann ja mit den eigenen H\u00e4nden ganz viel bewirken. Und das hat, das war wie so 'ne, ich sag mal, grundlegende Erkenntnis, wo ich gemerkt hab, wie hilfreich Ber\u00fchrung einfach in der Behandlung ist. Und das Thema hat mich dann auch sp\u00e4ter nicht mehr losgelassen. Ich hab dann, nachdem ich 10 Jahre als Masseurin t\u00e4tig war, noch mal angefangen, Medizin zu studieren. Da waren meine Kinder also grad so in die Schule gekommen. Die erste Klasse war meine J\u00fcngste und da bin ich ins erste Semester Medizinstudium gekommen. Das war also auch 'ne tolle Zeit, dass ich das noch mal machen durfte. Und ich hab dann aber im Medizinstudium gemerkt, oh, das Thema Ber\u00fchrung spielt hier eigentlich keine Rolle mehr, ne. Also als angehender Arzt oder \u00c4rztin, da lernt man den Menschen eigentlich nur noch diagnostisch zu ber\u00fchren. Also ich meine in dem Sinn mit lernen, dass man den Mensch untersuchen kann und abtasten kann und abh\u00f6ren kann. Aber es geht nicht mehr darum, dass man jemanden auch mal therapeutisch ber\u00fchrt. Und das muss jetzt nicht die ganze Massageausbildung hergeben, ne, aber ich mein einfach, dass man auch mal vielleicht die Hand h\u00e4lt, wenn man 'ne schwierige Nachricht \u00fcberbringt oder dass man 'n Patient vielleicht auch mal tr\u00f6stend so \u00fcber den R\u00fccken streichen kann, wenn der grad sehr aufgebracht ist. Also es ist mehr so 'n, ne, so 'n Umgang, wie wir mit dem Menschen umgehen in der Medizin, wo ich gemerkt hab, oh, da spielt jetzt Ber\u00fchrung eigentlich keine gro\u00dfe Rolle mehr.\nMH: Ja.\nMA: Ja, und da hab ich gemerkt, es fehlt mir eigentlich das Thema und hab dann die Doktorarbeit begonnen, die sich dann mit Massagetherapie bei Depressionen befasst hat. Und diese Erkenntnisse, die waren dann so aufschlussreich f\u00fcr mich, dass ich gesagt hab, oh, ich m\u00f6chte das Thema mehr reinholen und mehr beachten.\nMH: Mhm, so, so Ber\u00fchrung, die vom K\u00f6rper sozusagen in die Seele geht, aber da, da kommen wir gleich noch drauf zu sprechen. Ich wollte einmal noch mal darauf eingehen, weil sie auch sagten, das ist so, so sehr ein diagnostisches Thema, ne. So, wenn ich jetzt mal so einfach so hypothetisch in den Raum stelle, dass Ber\u00fchrung in einer sich ja versingulierenden Gesellschaft, die es ja, die wir ja, in der wir uns ja irgendwie doch scheinbar bewegen, immer weniger wird. Sehen sie das, sehen sie das auch so, stimmt das?\nMA: Ja, das ist ein ganz wichtiges Thema, wo sie da anschneiden, weil das ja mittlerweile so ist, dass ich glaub fast die H\u00e4lfte der der Haushalte Single-Haushalte sind. Also in Deutschland ist es die h\u00e4ufigste Wohnform, allein zu leben. Das ist also schon erstaunlich und ich hab eigentlich beobachtet, dass wir, das kennen Sie vielleicht auch, das erste Mal seit der Corona-Pandemie sich noch mehr zur\u00fcckgezogen hat. Also viele Menschen arbeiten jetzt auch im Homeoffice, dann kann man eigentlich alle seine Erledigungen auch \u00fcbers Digitale absolvieren, ne? Also man muss eigentlich nicht mehr raus und es werden ja auch immer weniger Veranstaltungen, zum Beispiel abends besucht, wo man in Kontakt kommen k\u00f6nnte mit anderen. Also wir sind doch eher so eine zur\u00fcckgezogene, ber\u00fchrungsarme Gesellschaft geworden.\nMH: Ja, aber tats\u00e4chlich, Sie sagen das auch, Corona war, war Ausl\u00f6ser f\u00fcr vieles, ne? Leider negative Entwicklung.\nMA: Absolut.\nMH: Ja, ab wann ber\u00fchrt uns denn eine Ber\u00fchrung tats\u00e4chlich wirklich? Geht dem immer auch, ich sag mal so, wenn man verliebt ist oder so, geht da immer auch eine emotionale Verbindung voran?\nMA: Ja, das ist eine gute Frage, ne? Ich hab da auch so noch mal in mich rein gesp\u00fcrt und auch in der Wissenschaft ist es gar nicht so leicht, das herauszufinden, was was eigentlich diesen Effekt ausmacht von Ber\u00fchrung, ne? Aber ich denke, es muss auf jeden Fall eine Form von Sympathie oder eine bestimmte Wellenl\u00e4nge vorausgehen, dass wir auch jemanden gern ber\u00fchren m\u00f6chten. Ich hab auch \u00fcberlegt, man kennt das doch gut im im Team zum Beispiel, ne, wenn man ich zum Beispiel in der Klinik, da arbeite ich mit 10 verschiedenen Leuten zusammen, mit manchen ist man n\u00e4her, mit manchen distanzierter und mit denen, wo man auch eine bessere Stimmung hat, mehr Sympathie hat, die m\u00f6chte man dann auch automatisch in der Regel mehr ber\u00fchren. Also ich glaub auch, dass das schon mit einer Verbindung zu tun hat, die man zu einem Menschen aufbauen kann dadurch, ja.\nMH: Aber wenn da jetzt jemand auf ihrer Massageliege liegt, der ihm ja eigentlich komplett fremd ist, ne, der hat ja dann eigentlich keine emotionale Verbindung zu ihm. Wie ist das dann mit mit mit Ber\u00fchrung?\nMA: Genau, also ich glaub keine Verbindung ist es in dem Sinn nicht, weil sobald ich eigentlich mit einem Patienten in Begegnung komme, entsteht eine Art von Verbindung. Also das hei\u00dft jetzt nicht, dass wir uns dann jahrelang schon tiefgehend kennen, aber in dem Moment, wo ich mich auf mein Gegen\u00fcber einlasse und den bewusst wahrnehme, dann besteht dann ist auch in der Medizin schon die M\u00f6glichkeit, einfach eine kleine Art von Verbindung herzustellen und zumindest muss ein Grundvertrauen da sein, dass der Patient sich \u00fcberhaupt bei mir auf die Liege legen m\u00f6chte. Also es gibt ja auch immer ein Vorgespr\u00e4ch oder erstmal das Setting, das erstmal den Rahmen vorgibt, dass man sich kennenlernt. Und Sie sprechen aber einen wichtigen Bereich an, je besser diese therapeutische Ber\u00fchrung, die Ber\u00fchrung, sondern die Beziehung ist, die therapeutische Beziehung, desto intensiver kann auch die Ber\u00fchrung dann wirken. Das stimmt schon.\nMH: Noch mal zur\u00fcck dazu. wie sehr Ber\u00fchrung unser Leben pr\u00e4gt. Wir werden aus dem Mutterleib geboren, ne, als Baby gewickelt und in H\u00e4nden gewogen. Ja, wie sehr pr\u00e4gt Ber\u00fchrung tats\u00e4chlich unser Leben? Das ist ja bei jedem sicherlich auch unterschiedlich.\nMA: Ja, das kann ganz unterschiedlich sein, aber dass es uns pr\u00e4gt, das wei\u00df man mittlerweile ganz sicher. Also da ist auch viel Forschung gemacht worden in den letzten Jahrzehnten, wie schon der Neonatologie, wie die Kleinen, die auf die Welt kommen, auch den Halt und die Ber\u00fchrung der n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen brauchen, um sich gut zu entwickeln. Also Ber\u00fchrung ist so ein wesentliches Grundbed\u00fcrfnis f\u00fcr uns Menschen, dass es uns auf ganz tiefe Art und Weise pr\u00e4gt. Es ist eigentlich fast wie eine Sprache, die wir von klein auf lernen oder auch vorgelebt bekommen. Und durch Ber\u00fchrung k\u00f6nnen wir ganz elementare Gef\u00fchle ausdr\u00fccken. Also Liebe, Zuneigung, Trost, das wird ganz viel \u00fcber Ber\u00fchrung vermittelt. Aber auch Abgrenzung oder auch Wut oder Aggression kann auch in Ber\u00fchrung seine Ausdrucksform finden. Also, es ist eine ganz elementare, elementare Form, sich auszudr\u00fccken.\nMH: Aber sie sagten ja schon, sie kann sich ganz unterschiedlich weiterentwickeln oder jeder Mensch kommt anders mit Ber\u00fchrung in Ber\u00fchrung, ne. F\u00fcr manch einen wird sie vielleicht durch Trennung oder Tod eines Partners zur Nebensache, weil die Person dann vielleicht sich einfach nicht mehr \u00f6ffnen kann. Oder auch eben bedingt durch viele Verletzungen, die die Person erfahren hat. Was ist denn dann, wenn Ber\u00fchrung immer mehr zur Nebensache wird?\nMA: Ja, ich denke, man hat eigentlich zwei M\u00f6glichkeiten. Man kann zum einen sagen, okay, diese meines Lebens, der liegt momentan brach. Ich kann nat\u00fcrlich trotzdem so weitermachen und irgendwie auch mit meinem Alltag mehr oder minder zurechtkommen. Aber ich erlebe eher das so, wenn man in sich hinein sp\u00fcrt, merkt man in aller Regel auch, dass da einem was fehlt. Und dann w\u00e4re es gut, sich diesen, ich sag mal vielleicht auch diesem Schmerz bewusst zu werden und da auch hinzuschauen. Ich habe das letztlich erlebt, das war ganz eindr\u00fccklich. Ich war bei einem Vortrag eingeladen, habe \u00fcber Ber\u00fchrung gesprochen vor \u00e4rztlichen Kollegen. Also das war ein gro\u00dfes Auditorium und wir haben waren uns auch einig, wie wichtig Ber\u00fchrung in der Medizin ist. Und das Besondere war aber, danach kam eine Kollegin auf mich zu und hat mich so ganz diskret an der Garderobe noch abgefangen und hat mir dann genau das erz\u00e4hlt, dass sie gesagt hat, ihr Mann ist relativ fr\u00fch gestorben und dann hat sie 10 Jahre ohne Ber\u00fchrung gelebt. Also sie hat das wirklich so benannt: ber\u00fchrungslos. Da sind ihr so richtig die Augen auch glasig geworden, hat gemerkt, dass sie das sehr anger\u00fchrt hat. Und dann hat sie so ganz strahlend gesagt: \u201eAber seit einem Jahr habe ich wieder jemanden, mit dem ich mich zum Kuscheln treffen kann.\u201c Und das war so r\u00fchrend, wie sie mir das noch so sagen wollte, um das zu verdeutlichen, wie wichtig die Ber\u00fchrung ist. Also ich denke, es ist lohnenswert, sich auf den Weg zu machen, wenn man sp\u00fcrt, oh da fehlt mir was, dass man wieder Ber\u00fchrung ins Leben zur\u00fcckholen kann. und zwar auch in jedem Alter oder in jeder Lebensphase. Also ich glaub, dass es auf jeden Fall diese M\u00f6glichkeit gibt.\nMH: Ja, aber find ich ja erst mal total sch\u00f6n, dass Ihre Kollegin da auch jemand gefunden hat. Aber um genau noch mal darauf sprechen zu k\u00f6nnen, ist ja dann auch nicht ganz so einfach, jemanden zu finden, ne. Manchmal er\u00f6ffnet sich das ja gar nicht, ne.\nMA: Genau.\nMH: Und es gibt ja auch Menschen, die dann sagen, nee, auf Tinder oder sonst was habe ich einfach keine Lust. Weil Partnersuche dann auch gleich wieder mit ganz anderen, ja, ich sag mal so Bedingungen ja auch verkn\u00fcpft ist.\nMA: Genau. Also das ist eine gute Frage. Ich habe jetzt nicht n\u00e4her nachgefragt, wie sie es geschafft hat. Das h\u00e4tte ich vielleicht mal machen sollen. Aber ich k\u00f6nnte mir gut vorstellen, man als erstes mal dieses Bed\u00fcrfnis wieder sp\u00fcrt, wenn man merkt, oh da fehlt mir was, dass man versucht, sich das bewusst zu werden und sich mehr auf die M\u00f6glichkeiten, die das Leben bietet, einzulassen. Also bewusst ins Leben so rauszugehen, dass man sich denkt, ich m\u00f6chte mich auf Ber\u00fchrung wieder einlassen und dann vielleicht auch jemandem leichter begegnen kann, der vielleicht \u00e4hnliche Bed\u00fcrfnisse hat. Weil ich wei\u00df das von meiner Sprechstunde, es sind so viele Menschen vereinsamt und das hat jetzt gar nichts mit dem Thema Sexualit\u00e4t zu tun, sondern auch einfach die Ber\u00fchrung an sich fehlt so vielen Menschen, dass das eigentlich sch\u00f6n w\u00e4re, wenn wir, das ist ja auch gut, dass wir heute zum Beispiel mehr dar\u00fcber sprechen, dass wir mehr wissen, wir brauchen das und vielleicht gibt es auch in Zukunft mehr und mehr Rahmen oder M\u00f6glichkeiten, Veranstaltungen, wo wir uns wieder mehr in Ber\u00fchrung begeben k\u00f6nnen, ne, glaube ich schon.\nMH: Das Thema wird auch, das wird dann einfach weggeschoben, ne, wenn derjenige so erkennt, na ja, ist halt nicht so, dann geht es auch ohne.\nMA: Ja, genau. Und das ist, das ist so verlockend, weil man sich denkt, ja, na, es geht auch ohne, aber das ist eine Form von Lebensqualit\u00e4t, die einem dann fehlt. Nat\u00fcrlich kann ich \u00fcberleben ohne Ber\u00fchrung, ne, ganz klar. Aber die Form, wie ich lebe, das macht die Ber\u00fchrungs- Ber\u00fchrung aus, w\u00fcrde ich sagen.\nMH: Noch eine Frage, gerade auch so, ich sag mal so, bei bei Frauen, 50, 55 plus, wenn die Wechseljahre sich einstellen, was ist mit mit den Hormonen? Inwiefern haben die da auch Einfluss drauf, dass man, dass man dann vielleicht auch wirklich kein Bed\u00fcrfnis nach nach Ber\u00fchrung hat?\nMA: Genau, an dieser Stelle ist, glaube ich, noch mal sinnvoll zu unterscheiden zwischen Ber\u00fchrung und Sexualit\u00e4t, weil das Lustempfinden kann sich auf jeden Fall mit den Wechseljahren ver\u00e4ndern, das wissen wir. Aber der Wunsch nach Ber\u00fchrung, nach N\u00e4he, nach Verbindung, der bleibt bestehen. Also das ist etwas, was wir auch unabh\u00e4ngig von unserem Alter oder Lebensphase erleben k\u00f6nnen und auch sp\u00fcren, dass der Wunsch nach N\u00e4he da ist. Aber es gibt halt andere Ausdrucksformen. Und Ber\u00fchrung hat ja ganz vielf\u00e4ltige Wirkungen, auch wenn wir \u00fcber Hormone gesprochen haben. Wir wissen ja mittlerweile, dass es ganz viel mit der Aussch\u00fcttung von Oxytocin zu tun hat. Das ist ja ein relativ bekanntes Hormon, weil man das unter dem Namen Kuschelhormon kennt vielleicht. Also das ist auch ein Hormon, das uns f\u00fcr Vertrauen und Bindung ganz wichtig ist. Aber wir haben auch Serotonin, das ist ein Hormon, das f\u00fcr eine gute oder stabile Stimmungslage zust\u00e4ndig ist, das verst\u00e4rkt durch Ber\u00fchrung ausgesch\u00fcttet wird. Und noch weitere Hormone, ja.\nMH: Jetzt haben Sie fast schon meine n\u00e4chste Frage, glaube ich, inwiefern Ber\u00fchrung Einfluss auf unser Nervensystem und Immunsystem haben, ne?\nMA: Genau, das ist 'ne wichtige Frage und deswegen bin ich da schon 'n bisschen drauf eingestiegen, weil wir haben einfach so 'n ganzen Blumenstrau\u00df an Wirkungen, sag ich mal, auf unser Hormonsystem und ich hab grad schon erw\u00e4hnt, was es mit Oxytocin und Serotonin macht. es gibt auch noch etwas Wichtiges, das Dopamin. Das kennen Sie vielleicht, wenn man so eine kurze Freude oder Vorfreude empfindet, da wird Dopamin ausgesch\u00fcttet. Das gibt es auch in der Begegnung mit anderen Menschen, dass das dann vermehrt ausgesch\u00fcttet wird. Ber\u00fchrung sch\u00fcttet Endorphine aus, also das ist was ganz Besonderes, weil die so schmerzlindernd wirken k\u00f6nnen. Endorphine sind also die k\u00f6rpereigenen Botenstoffe zur Schmerzlinderung und gleich gleichzeitig haben wir eine gute Wirkung auf die Stressachse. Also das hei\u00dft, ne, Cortisol, Adrenalin, die Hormone, die bei uns oft in Gang sind, wenn wir unseren Alltag bewerkstelligen, die werden durch eine sanfte Ber\u00fchrung oder durch eine achtsame Massage auf jeden Fall runter reguliert.\nMH: Wir kommen immer sch\u00f6n einen Schritt f\u00fcr Schritt weiter, weil sie auch vorhin von den unterschiedlichen Ber\u00fchrungen sprachen. und auch davon, dass Ber\u00fchrung heilsam sein kann bei \u00c4ngsten, Schmerzen und auch Depressionen. Jetzt eben meine Frage, wie wird sie professionell eingesetzt, ne? Wie unterschiedlich sieht Ber\u00fchrung aus? Was ist da so ihre, was ist die medizinische Bedeutung und was sind auch ihre, also nicht nur Anwendungsbereiche, aber welche Methoden wenden sie an?\nMA: Genau, das ist auch etwas, wo wir uns diese Gesellschaft gegr\u00fcndet haben, die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Ber\u00fchrungsmedizin, um genau dieser Frage nachzugehen. Also, wir wissen heute, dass wir Ber\u00fchrung einsetzen k\u00f6nnen, zum Beispiel in der Kinderheilkunde. Wenn ein Fr\u00fchgeborenes auf die Welt kommt, wird es durch K\u00f6rperkontakt gef\u00f6rdert. Aber auch durch spezielle sanfte Massageformen kann man das Kind dazu anregen, dass es leichter sich entwickelt, dass es leichter an Gewicht zunimmt, dass es besser gedeiht sozusagen. Da gibt es schon ganz sch\u00f6ne Untersuchungen in der Kinderheilkunde. Wir wissen aber auch in der Palliativmedizin, also in der Begleitung von Sterbenden, wie wichtig da es ist Ber\u00fchrung einzusetzen. Und die Formen, die sind eigentlich in dem Fall ganz unterschiedlich. Ich komme ja aus dem Bereich der Massagetherapie, also es gibt unterschiedlichste Formen von Massagen, die auch schon zum Teil sehr gut untersucht wurden wissenschaftlich. Und dann ist aber auch noch so mein Gedanke als \u00c4rztin. Ich kann aber auch Ber\u00fchrung als prinzipielles \u00e4hm Herangehensweise verstehen, also als prinzipielle Herangehensweise. Wie ich mit nem Menschen umgeh. Ne, ob ich den. Jetzt achtsam \u00e4hm zum Beispiel mit dem Stethoskop abh\u00f6r oder ob ich einfach mal vorsichtig die Schulter ber\u00fchr, bevor ich das eiskalte Stethoskop auflege. Das ist so ne ganz prinzipielle Einstellung, find ich. Dass man. bewusster machen kann, dass Ber\u00fchrung einfach hilfreich ist und verschiedenste Bereiche hat, wo es eingesetzt wird.\nMH: Sie sprachen von unterschiedlichen Massagen. Frage so, weil ich da auch schon manchmal so etwas Kontr\u00e4res geh\u00f6rt habe, aber wie wirkungsvoll sind Massagen und Physiotherapie tats\u00e4chlich? Sind die auch nicht nur f\u00fcr den Moment, sondern wirken auch langfristig?\nMA: Ja, es ist ganz gut, dass Sie diese Kontroverse ansprechen, weil das ist auch ein bisschen das Problem unserer Wissenschaft, dass wir das schlecht nachweisen k\u00f6nnen, die langfristigen Effekte von Massage. Also Also wir kommen langsam dahinter, dass wir auch l\u00e4ngere Effekte nachweisen k\u00f6nnen, sind da aber noch am Anfang, das durch Studien belegen zu k\u00f6nnen. Was mir aus meiner Zeit als Masseurin auf jeden Fall wichtig ist, was ich als Erkenntnis auch mitgenommen habe, ist, dass es nicht einfach eine passive Methode ist, das wird der Massage sehr gern unterstellt, sondern ich finde, das ist etwas, was auch beim Patienten so viel bewirkt, dass es h\u00e4ufig Auswirkungen hat, wie der Patient anschlie\u00dfend mit sich selber umgeht. Also es kann das K\u00f6rpergef\u00fchl so positiv beeinflussen, dass ich auch bei vielen Patienten erlebt habe, dass die dann anfangen wieder mehr rauszugehen, aktiver zu werden oder ihr R\u00fcckentraining wieder zu absolvieren, wie das so ein Studienteilnehmer bei mir so sch\u00f6n gesagt hat. Also die Achtsamkeit f\u00fcr den eigenen K\u00f6rper wird mehr und dadurch eben auch eine andere Umgangsweise mit dem K\u00f6rper oder mehr Selbstf\u00fcrsorge und Selbstwirksamkeit.\nMH: Das ist wahrscheinlich so, ich sag mal so, das unbewusste Plus, was so hinter der Massage steckt. Denn meistens, denke ich mir, geht man hin, weil man unter Verspannungen leidet, R\u00fccken, Nacken, Lendenwirbel. Das sind ja meistens wirklich so, so physiotherapeutische Gr\u00fcnde, warum man zur Massage geht.\nMA: Mhm. Genau, das hat auch seine Berechtigung f\u00fcr diese Indikationen, sag ich mal, f\u00fcr die Beschwerden, die Sie genannt haben. Es gibt aber auch mehr und mehr Formen, die sich der ganzheitlichen Wirkung von Massage widmen. Also wir wissen mehr \u00fcber die ganzheitliche Wirkung mittlerweile und deswegen haben sich in den letzten 20, 30 Jahren auch Massageformen herauskristallisiert, die speziell diesen ganzheitlichen Ansatz verfolgen.\nMH: Ich habe das mal jetzt auch aus Ihrem Buch entnommen. Es gibt ja auch noch weitere Anwendungsbereiche, wie zum Beispiel jetzt die Osteopathie oder die K\u00f6rperpsychotherapie und eben die Affektregulierende Massagetherapie, die ja auch Ihr Schwerpunkt ist. K\u00f6nnen Sie das einmal kurz erl\u00e4utern?\nMA: Das ist dieser ganzheitliche Bezug, den ich gerade erw\u00e4hnt habe. Und zwar, wir wissen, mittlerweile, dass wir in unserer Haut bestimmte Fasern haben, die nennen sich C-taktile Afferenzen. Das h\u00f6rt sich jetzt vielleicht etwas kompliziert an, aber das war eine besondere Entdeckung um die Jahrtausendwende, dass man festgestellt hat, unsere menschliche Haut reagiert nicht nur auf Schmerzreize, auf K\u00e4lte, W\u00e4rme, sondern es gibt Fasern, die nur auf eine sanfte, streichende Ber\u00fchrung reagieren. Also das ist ganz was Besonderes, dass wir eben spezielle Fasern in unserer Haut haben, die auch direkt mit dem limbischen System verbunden sind und ganz stark ein Gef\u00fchl von emotionaler Sicherheit, Verbindung, Wohlbefinden vermitteln k\u00f6nnen. Das war also eine besondere Entdeckung und die ist auch so die Grundlage, kann man sagen, f\u00fcr diese Form von affektregulierender Massagetherapie oder auch psychoaktive Massagen ist so ein bisschen der \u00dcberbegriff. die sich daraufhin auch entwickelt haben, weil die Behandlung ist dann jetzt nicht, wie man sich das vielleicht bei einer klassischen Massage beim Physiotherapeuten vorstellt, dass sozusagen der Nacken durchgeknetet wird und man dann so eine lokale Wirkung hat, sondern es geht darum, den K\u00f6rper als Ganzes zu sehen und vielmehr nicht nur den K\u00f6rper, sondern auch den Menschen. Die Behandlung ist ganz ruhig und achtsam und auch mit einem ganz langsamen Tempo, weil das Besondere ist, wir von diesen Fasern, die ich gerade gesprochen habe, die werden eben durch eine langsame Streichung aktiviert. Also es w\u00fcrde jetzt nichts nutzen, wenn ich sozusagen schnell \u00fcber den R\u00fccken greife, sondern durch eine langsame Streichung werden die aktiviert und diese speziellen Massagen gehen genau auf diese Aktivierung ein, dieser C. aktiven Fasern.\nMH: Dann \u00e4hnlich wie bei einer Lymphdrainage oder da geht es ja auch eher um ganz leichte Ber\u00fchrungen?\nMA: Ja, so kann man sich vielleicht von der Wahrnehmung her vorstellen. Die Lymphdrainage hat ein bisschen ein anderes Ziel. Die therapeutische Zielsetzung ist bei der Lymphdrainage anders, aber so ein Gef\u00fchl von, dass man sanft ber\u00fchrt wird, das ist auf jeden Fall auch bei der affektregulierenden Massage.\nMH: Sie haben ja in Ihrem Buch auch aufgelistet, eben und auch jetzt gerade schon genannt, wie vielf\u00e4ltig Ber\u00fchrung ist, ne? Aber Sie sagen ja auch, es gibt ja die Selbstber\u00fchrung, die sexuelle Ber\u00fchrung, die gesellschaftliche Ber\u00fchrung, die medizinische oder auch die spirituelle Ber\u00fchrung. K\u00f6nnen Sie f\u00fcr uns einmal die Unterscheidung machen?\nMA: Mir war das wichtig, das hab ich deswegen auch in das Buch integriert, dass ich darstellen m\u00f6chte, dass Ber\u00fchrung einfach sehr vielf\u00e4ltig ist. Es ist reduzierend, wenn ich einfach nur von Ber\u00fchrung spreche, sondern Ber\u00fchrung hat immer einen Kontext, in dem es stattfindet. Und das ist was ganz anderes, wenn ich jetzt im famili\u00e4ren Setting ber\u00fchrt werde oder ob ich jetzt quasi gesellschaftlich drau\u00dfen auf der Arbeit eine Ber\u00fchrung erfahre. Also das sollte man sich schon mal klar machen ich habe dazu mir sieben Dimensionen \u00fcberlegt, die das am besten eingrenzen k\u00f6nnen. Sie haben das schon in der Aufz\u00e4hlung ein bisschen erw\u00e4hnt. Also diese sieben Dimensionen enthalten eigentlich unsere verschiedenen Lebensbereiche, so kann man sich das vorstellen. Das ist wie das Setting, in dem die Ber\u00fchrung stattfindet. Also wie schon gesagt, das erste ist eigentlich die Selbstber\u00fchrung, denn damit f\u00e4ngt es an. Also wenn Sie mal ein ein Baby beobachten, wie das die Welt entdeckt, dann entdeckt es erstmal sich selber und vor allem dadurch, dass es sich \u00fcberall auch ber\u00fchrt und anfasst und auch das mit den anderen macht oder auch mit Gegenst\u00e4nden. Also die Ber\u00fchrung ist was ganz Wesentliches und Selbstber\u00fchrung ist uns ja auch immer zur Verf\u00fcgung, das ist das Wichtige. Also in dem Moment, wo ich hier mit Ihnen das Interview f\u00fchre und ein bisschen aufgeregt, da merke ich auch immer wieder, dass ich mir mal hier \u00fcber die Schulter streiche oder in die Haare fasse. Also Selbstber\u00fchrung ist immer da, das ist mal das erste.\nMH: Und ich- eben kurz die Zwischenfrage und die Selbstber\u00fchrung f\u00f6rdert auch diese hormonelle Produktion oder unterscheidet-\nMA: Es unterscheidet sich in gewissen Rahmen schon, aber es f\u00f6rdert auch auf jeden Fall die Stabilisierung von der Hormonlage. das ist nicht ganz so effektiv, wenn man es mal so sagen kann, wie der Ber\u00fchrung durch einen lieben Menschen, aber es ist eine Ressource, die uns immer da ist und deswegen auch eine positive Wirkung auf uns hat. Da sind wir noch ein bisschen am Anfang der Erforschung, was die Selbstber\u00fchrung betrifft.\nMH: Ja, und genau die 7 Dimensionen. Jetzt waren wir, ich war noch, war noch gerade bei der Aufz\u00e4hlung mit der ne Selbstber\u00fchrung, auch die gesellschaftliche Ber\u00fchrung Was verstehen Sie darunter?\nMA: Ja, die gesellschaftliche Ber\u00fchrung, damit meine ich eigentlich diese Ber\u00fchrung oder auch soziale Ber\u00fchrung, die uns im Alltag begegnet. Wir haben vorhin schon mal kurz dar\u00fcber gesprochen, dass seit der Corona-Pandemie diese Form der Ber\u00fchrung eigentlich viel weniger geworden ist. Also ich meine zum Beispiel, wenn man morgens auf die Arbeit geht und dort mit Kollegen zusammenkommt und oder wenn man im Sportverein ist und dadurch in in Touch kommt mit anderen. Also diese Formen sind in den letzten Jahren eigentlich weniger geworden, weil wir uns mehr zur\u00fcckgezogen haben, aber sie sind f\u00fcr unser gesellschaftliches Miteinander sehr wichtig. Also ich beobachte es immer gern, wie wenn ich zum Beispiel mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, wie Menschen so miteinander umgehen und ich finde es sehr aufschlussreich und wir sind ja eher so in der Situation, dass wir uns mehr und mehr weniger ber\u00fchren. Und es hat eben viel vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde. Aber ich glaub, dass es so 'ne Grundstimmung in unserer Gesellschaft gibt, dass wir sehr isoliert und vereinsamt sind. Und wenn wir, ich sag es jetzt mal so ganz zugespitzt, wenn wir uns auch wieder ein St\u00fcck weit mehr n\u00e4herkommen w\u00fcrden oder mehr ber\u00fchren w\u00fcrden, w\u00fcrde das bestimmt auch auf unsere gesellschaftliche Grundstimmung 'ne Auswirkung haben.\nMH: Und mit Ber\u00fchrung meinen Sie aber schon auch immer die k\u00f6rperliche Ber\u00fchrung, ne? Auch auch auch auf der Arbeit, dass der, dass der Kollege einen, so so ein, vielleicht ein tr\u00f6stenden Schulterschlag oder oder oder dass man Handschlag gibt, ne. Genau, sie meinen immer die k\u00f6rperliche Ber\u00fchrung.\nMA: Genau, ich mein schon in erster Linie die direkte k\u00f6rperliche Ber\u00fchrung, die nat\u00fcrlich immer respektvoll und achtsam und in gewissen Rahmen stattfinden soll, gerade auch auf der Arbeit. Aber ich hab bei dieser Beschreibung der verschiedenen Dimensionen bewusst noch einen Bereich mit eingebaut, den nenne ich jetzt spirituelle Ber\u00fchrung. Das h\u00f6rt sich vielleicht ein bisschen speziell an, aber das meint viel mehr dieses Gef\u00fchl, oh das hat mich so ber\u00fchrt. Also das kennt man vielleicht von einem sch\u00f6nen Konzert oder von einem Buch, das man gelesen hat. Oder von einem Bild in in der Kunstausstellung, das man gesehen hat. Und wenn man danach da dr\u00fcber spricht. Dann gibt's ganz h\u00e4ufig den Satz, oh, das hat mich so ber\u00fchrt. Ja. Und das merkt man ja auch, oder wenn ich. Wenn ich manchmal kann ich mich \u00e4h morgens aufraffen und um 06:00 Uhr einen Spaziergang machen, um den Sonnenaufgang auf zu \u00e4h anzuschauen. Und dann f\u00fchl ich mich da auch von diesem Sonnenaufgang ber\u00fchrt. Obwohl der mich nat\u00fcrlich jetzt nicht direkt k\u00f6rperlich angefasst hat. Aber mir war das wichtig, auch diese Dimension mit reinzuholen, weil ich das auch als eine Form von innerlicher Ber\u00fchrung empfinde.\nMH: Ja, das finde ich total sch\u00f6n, dass Sie das sagen, auch so, ne, das ist so die kleinen Momente des Alltags, ne, die, die, die, die eben halt, ja, ja, auch die Seele ber\u00fchren, ne, \nMA: genau, ja, \nMH: es nicht nur mit mit k\u00f6rperlichem Kontakt zu tun hat, sondern dass man, dass man die Seele auch anders ber\u00fchren kann.\nMA: Ja.\nMH: Ich komme einmal auf die Ber\u00fchrungsbiografie. zu sprechen, da denke ich, hat ja wohl auch jeder seine eigene. Sie sprechen da ja tats\u00e4chlich von der Aufarbeitung, ne? Und und das, dass man da in die Akzeptanz gehen sollte, weil da ja manch manch einer vielleicht da keine sch\u00f6ne Biografie hinter sich ist.\nMA: Absolut. Es ist ganz wichtig, dass man bei bei dem ganzen Positiven, was Ber\u00fchrung zu bieten hat, auch die Schattenseite nicht vergisst, ne? Also und da spreche ich die Biografie an. Ich hab n\u00e4mlich gemerkt, also ich bin auch in der psychosomatischen Medizin t\u00e4tig und da spielt Biografie ne ganz wichtige Rolle. Und ich erfrag dann, sag ich mal, die ganze Biografie, ne, von Kindheit an. Und hab gemerkt, wenn ich mich allein an dem Hahn, \u00e4h, an dem Themengebiet Ber\u00fchrung entlanghangle, dass da ganz andere und tiefgehende \u00e4h Erkenntnisse dabei herauskommen, wie jemand ber\u00fchrt wurde, was f\u00fcr eine Ber\u00fchrungskultur in der Familie war, ob es auch \u00fcbergriffige Situationen mit Ber\u00fchrung gab. Also das ist ganz aufschlussreich, weil das oft sehr tiefgreifende Erfahrungen sind. Und wenn man sich auch diesen Erlebnissen zuwendet und da hinschaut, erf\u00e4hrt man oft viel mehr \u00fcber den Menschen, als wenn ich jetzt nur frag, ne, wie, wie war die Schulzeit, wie war es als Teenager, sondern es ist auch interessant, sich mal einzelne Ber\u00fchrungspunkte sozusagen im Leben anzuschauen. Und da dran, ja, da dran l\u00e4sst sich ganz viel auch ablesen.\nMH: Und die muss man erst mal erinnern, ne?\nMA: Ja.\nMH: Diese Momente. Ich k\u00f6nnte mir auch vorstellen, dass auch manche Menschen vielleicht auch sowas vielleicht verdr\u00e4ngt haben, weil es keine gute Erfahrung war.\nMA: Ja, absolut. Das kann oft damit verbunden sein, dass dann auch Schmerzen hochkommen, wenn man da dr\u00fcber spricht. Oder viele sagen auch, oh, da habe ich noch nie so dr\u00fcber nachgedacht. Aber es ist hochinteressant zu \u00fcberlegen, wie hat mich denn Ber\u00fchrung gepr\u00e4gt. Also wie, wenn man zum Beispiel sich den eigenen K\u00f6rper mal vergegenw\u00e4rtigt und sich mal \u00fcberlegt, wie wurde mein K\u00f6rper denn schon im Laufe meines Lebens ber\u00fchrt, wie achtsam und liebevoll oder eben auch wie \u00fcbergriffig und unachtsam. Das ist ganz stark mit Emotionen verbunden. Und Sie k\u00f6nnen auch anders darum gehen, nur so als kleiner Hinweis noch, ne, wenn Sie sich Ihre H\u00e4nde anschauen und \u00fcberlegen, was haben denn meine H\u00e4nde schon ber\u00fchrt, also wie oft waren das sch\u00f6ne Erfahrungen, wie oft waren das vielleicht auch negative Erfahrungen. Also da merkt man schon allein, wenn wir jetzt uns da dr\u00fcber austauschen, wie sensibel dieses Gebiet ist.\nMH: Total, ja. Wie k\u00f6nnen wir denn ja Ber\u00fchrung entdecken, ne, f\u00fcr f\u00fcr alle, die jetzt, die jetzt tats\u00e4chlich nicht gro\u00df in der Ber\u00fchrung sind. Sie schlagen da ja auch \u00dcbungen vor, die man zum Beispiel allein oder zu zweit oder auch in der Gruppe machen kann.\nMA: Genau, das finde ich das Sch\u00f6ne eigentlich, dass in meinem Buch auch ein gro\u00dfer Praxisteil ist, weil ich das nicht nur als Theorie verstehe, sondern ich komme ja aus der Praxis und m\u00f6chte auch gern dazu anregen, dass man Ber\u00fchrungen mehr erleben kann. Und deswegen habe ich eigentlich die ersten \u00dcbungen so konzipiert, dass man sich selber ber\u00fchrt. Also das zieht wieder auf den Bereich der Selbstber\u00fchrung, die uns immer zur Verf\u00fcgung ist und das sind eigentlich kleine \u00dcbungen, die jetzt unkompliziert sind, die sich leicht in den Alltag einbauen lassen. Einfach nur, wenn ich jetzt mich abends besser zum Einschlafen bringen will und meine Hand auf die Herzregion lege, dann ist das schon eine Form von Selbstber\u00fchrung, die mir gut tut und aber nicht nichts kostet, kein Aufwand ist, nichts Kompliziertes ist, ne, sondern wir brauchen einfach ein Bewusstsein daf\u00fcr, dass wir das so einsetzen k\u00f6nnen.\nMH: Mhm, ja, ja, finde ich interessant, ne, auch dass sie sagen, dass Selbstber\u00fchrung, jetzt sag ich es mal so, hat ja nicht immer, muss man nicht immer mit, mit, mit Selbstbefriedigung oder so gleichsetzen, ne, genau.\nMA: Ich finde es sehr gut, dass sie das auch so direkt ansprechen, weil das ist etwas, was wir also wirklich zu einseitig manchmal sehen. Ist auch vorhin das, wo ich gemeint hab, wir m\u00fcssen unterscheiden. Ber\u00fchrung hat nicht immer mit Sexualit\u00e4t zu tun. Es wird so leider in unserer Gesellschaft sehr miteinander verwoben, ist aber gar nicht der Fall. Ber\u00fchrung ist so viel mehr. Auch wenn nat\u00fcrlich Ber\u00fchrung in der Sexualit\u00e4t eine Rolle spielt, ist Ber\u00fchrung ein viel gr\u00f6\u00dferer Bereich. Und selbst Ber\u00fchrung hat nat\u00fcrlich viel mehr zu tun als jetzt nicht nur Selbstbefriedigung.\nMH: Ja, finde ich wundersch\u00f6n, dass Sie das noch mal so auseinander halten. Ja, Sie bieten ja in Ihrer in Ihrer Praxis oder online, ich wei\u00df es gar nicht, eine Woche der Ber\u00fchrung an. Ja, was, was passiert da, wie l\u00e4uft die ab? \nMA: Ist das eigentlich so ein sch\u00f6ner Begriff, die Ber\u00fchrungswoche, Ehrlich gesagt ist mir das eingefallen, weil es gibt f\u00fcr so viele Dinge eine ganze Woche, es gibt oft so Fastenkuren, die sieben Tage gehen, dann kenne ich so Beauty-Sets, Ampullen, die sieben Tage aufgebraucht werden k\u00f6nnen. Also es gibt ganz viele sch\u00f6ne Dinge, die man f\u00fcr sieben Tage machen kann und da habe ich gedacht, man kann sich doch auch mal sieben Tage einfach mit Ber\u00fchrung besch\u00e4ftigen. Und das ist auch was Sch\u00f6nes, weil man kann das ganz unabh\u00e4ngig machen, auch dazu keine komplizierte Anleitung, sondern in meinem Buch habe ich da schon die verschiedenen sieben Tage beschrieben und die hangeln sich eigentlich an dieser Ber\u00fchrungsblume heran, also die Ber\u00fchrungsblume steht f\u00fcr die sieben Dimensionen von Ber\u00fchrung, Selbstber\u00fchrung, famili\u00e4re Ber\u00fchrung, partnerschaftliche, gesellschaftliche und so weiter. Und ich habe einfach das so gemacht, dass ich f\u00fcr jeden Tag eine Dimension der Ber\u00fchrung in den Fokus stelle. Also zum Beispiel montags beginne ich mit der Selbstber\u00fchrung oder dienstags widme ich mich der famili\u00e4ren Ber\u00fchrung und da ist es eigentlich der Hintergrund der, dass das so eine Art Achtsamkeit schafft f\u00fcr das Thema Ber\u00fchrung. Also das hei\u00dft nicht, dass man dann alles in dieser Woche nur erleben soll, sondern oder darf, sondern es geht mir darum, dass ich mir einen Tag in der Woche bewusst Zeit nehme, diese Form der Ber\u00fchrung bewusster wahrzunehmen und vielleicht auch mehr auszuleben. Also zum Beispiel mal an einem Tag der famili\u00e4ren Ber\u00fchrung gucke ich mal, wie gehe ich denn mit meinen Kindern um? Wie ber\u00fchre ich denn meine Kinder? Oder wie sind wir als Familie in Ber\u00fchrung miteinander verbunden? Und so kann man sich durch diese Ber\u00fchrungswoche durch experimentieren.\nMH: Sch\u00f6n, so wirklich so als als Hinleitung zur Ber\u00fchrung, ne. So, ich h\u00e4tte erst gedacht, das w\u00e4re etwas, was, was Sie in Pr\u00e4senz anbieten oder so, ne. Das ist wirklich, Sie haben das wirklich, das ist sozusagen ein Kapitel im Buch, ne.\nMA: Das ist ein Kapitel im Buch und mir war das einfach wichtig, dass es nicht kompliziert ist, dass es ganz niederschwellig ist, dass es keine Kosten verursacht, sondern dass das jeder f\u00fcr sich nutzen kann und deswegen habe ich es so sch\u00f6n als Ber\u00fchrungswoche bezeichnet, einfach um sich mal bewusst dem Thema zu widmen, einfach mal eine Woche lang.\nMH: Und jetzt sagen Sie doch mal so zum Schluss unseres Gespr\u00e4chs, worin liegt so f\u00fcr Sie das gro\u00dfe Pfund der Ressource Ber\u00fchrung, ne, was, was ist so Ihre Botschaft an uns?\nMA: Ja, ich finde, Ber\u00fchrung hat so eine vielf\u00e4ltige Wirkung f\u00fcr uns Menschen und wir sollten uns dieser positiven Wirkung einfach wieder bewusst werden. Und wenn ich so ein kleines Pl\u00e4doyer sagen darf, dann w\u00fcrde ich einfach sagen, wir sollten uns wieder getrauen. Also einfach getrauen, uns wieder auf Ber\u00fchrung einzulassen. Im Miteinander und in meinem Metier, in der Medizin nat\u00fcrlich auch. Und ich denke, dass da eine ganz gro\u00dfe Kraft dahinter steckt, dass wir uns einfach wieder getrauen, uns n\u00e4her zu kommen.\nMH: Ja, ich muss einfach sagen, also toll, dass wir \u00fcber das Thema Ber\u00fchrung gesprochen haben und ich glaub auch, dass das f\u00fcr f\u00fcr viele ein sehr wertvolles Thema ist, eben weil es oftmals verdr\u00e4ngt wird, ne und dass sie so den Ansto\u00df gegeben haben, so den Impuls in Ber\u00fchrung wieder bewusst in unser Leben zu lassen. Also ja, Frau Doktor Arnold, haben Sie ganz, ganz lieben Dank f\u00fcr unser Gespr\u00e4ch.\nMA: liebe Frau Heyer, ich freue mich, vielen Dank auch, dass ich eingeladen wurde, mit Ihnen dar\u00fcber zu sprechen. Herzlichen Dank.\nMH: Ja, danke, Ihnen alles Gute, ne.\nMA: Ihnen auch, danke.\nMH: Tsch\u00fcss.\nMA: Tsch\u00fcss.\nMH: Ja, ich fand es ein total sch\u00f6nes und auch aufschlussreiches Gespr\u00e4ch zum Thema Ber\u00fchrung. Da kamen ja viele neue Aspekte zur Sprache, an die ich so tats\u00e4chlich noch nicht gedacht hatte. Ja. Ich hoffe, auch du konntest etwas von dieser Folge mitnehmen zum Thema Ber\u00fchrung. Ich weise noch mal auf das Buch hin von Doktor Michaela Maria Arnold. Es hat den Titel \u201eDas Ber\u00fchrungsbuch: Wie Ber\u00fchrung K\u00f6rper, Geist und Seele st\u00e4rkt\u201c und das ist im Klett-Cotta Verlag erschienen. Ja, freue mich, dass du zugeh\u00f6rt hast. Vielen, vielen Dank daf\u00fcr. Gib mir sehr gerne Feedback auf blogweise.junfermann.de. Ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen: Gib sch\u00f6n auf dich acht. Deine Marion.": null}