Podcast Juni 2026 V2.mp3
Transkript
Intro
Hinterbühne, der Podcast des Theaters Ulm mit Gesprächen irgendwo zwischen Foyer, Rang, Podium und hinter der Bühne.
Vera Kunze und Paul Zerahn
Hallo liebe Zuhörerinnen und Zuhörer und herzlich willkommen zur letzten Folge dieser Spielzeit für den Theaterpodcast.
Paul Zerahn
Wir freuen uns, mit Ihnen diese Spielzeit beenden zu dürfen und fangen gleich mal an mit der großen Inszenierung von unserem Intendanten Kay Metzger, Meistersinger.
Vera Kunze
Und da haben wir geredet mit dem Intendanten und Regisseur Kay Metzger und einem der Meistersänger Joachim Goltz. Viel Spaß!
So, liebes Publikum, wir sitzen jetzt hier mit dem Intendanten Kay Metzger und mit einem der Sänger, einem der Meistersänger, Joachim Goltz. Und genau, wir haben ein paar Fragen mitgebracht, wie immer, und ganz zum Einstieg würde ich einfach mal fragen, wenn man jetzt gar nichts mit Wagner am Hut hat, worum geht es bei den »Meistersingern von Nürnberg«?
Kay Metzger
Ja, musst du doch antworten.
Joachim Goltz
Warum?
Kay Metzger
Es geht kurz, kurz gesagt, man kann es gar nicht kurz sagen, aber es geht um eine Parallelität von einer Liebesgeschichte und einem Diskurs über Kunst, wie frei und anarchisch darf Kunst sein oder muss sie sich sehr an an Regeln, an Formen halten und das ist der ›Crash-Inhaltsangabenversuch‹.
Vera Kunze
Ja, ich finde, ist gelungen.
Paul Zerahn
Was macht dieses Stück denn einzigartig und besonders?
Joachim Goltz
Besonders macht es, dass es die einzige Komödie ist von Wagner und so, wo er, glaub ich, wirklich gut drauf war beim Schreiben, Dichten und Komponieren und gesagt, da hau ich jetzt noch mal was Lustiges raus. Nach dem nach so Sachen »Tristan und Isolde« und »Lohengrin«, wo alles Mythen, Welt und was weiß ich. Und besonders ist eben auch, dass es Wagners einziges Werk ist, was so in der realen Welt spielt. Also alles andere sind irgendwie Heldensagen, Götter, Könige, Zauberei, Lohengrin und die Meistersinger, die spielen einfach in Nürnberg und das sind Menschen wie du nicht, ja, Bürger. Und da draus wird 'ne lustige Geschichte gemacht.
Vera Kunze
Gibt es da dann 'n anderen Zugang zu dem Stück im Vergleich, gerade wenn man jetzt an Inszenierungen denkt, wählen Sie da 'n anderen Weg, wenn das jetzt nicht so mythisch ist, sondern sich schon klar absetzt von den anderen?
Kay Metzger
Ja, muss man ja, dass er wirklich eine bürgerliche Geschichte ist und das ist auch der große Reiz. Also im Grunde genommen ist das auch einer der populärsten Werke von Richard Wagner, vielleicht noch mit der »Walküre«, aber »Meistersinger« hat sehr schnell die Gunst des breiten Publikums erfahren, weil es extrem abwechslungsreich ist, sehr kurzweilig ist, weil es sehr tolle Typen gibt, Beckmesser beispielsweise und das hat einen großen Schauwert, von daher gesehen, wir versuchen die Anteile der Komödie dick zu unterstreichen.
Paul Zerahn
Und wo kommt die Komödie in so einer Oper durch? Also das ist ja jetzt was anderes als ein komödisches Schauspiel oder eben eine Operette.
Joachim Goltz
Na ja, es ist also Wagner, auch wenn es natürlich aus einer anderen Zeit ist, ja, als als heut, aber er hat schon sehr auf auf Wortwitz geachtet und man versteht es auch und die Handlung an sich gibt einfach unglaublich viel her, dass man lustige Situationen reinbauen kann als Regisseur und auch als Darsteller, dass man da auch zwischendurch mal gern ein bisschen Slapstick, bisschen Klamauk, natürlich nicht geschmacklos übertreiben, aber so, dass man da wirklich ja lustige Situationen rausholen kann. Also ich hatte auch schon schon 2 Meistersingerproduktionen vorher in Bonn und in Mannheim und da gab es auch sehr viele, obwohl Wagner, sehr viele Situationen, wo vom Publikum eben eindeutig Lacher kamen, wie bei heiterer Operette oder was auch immer.
Vera Kunze
Hat das Stück für euch persönlich auch eine besondere Bedeutung oder wie seid ihr das erste Mal mit dem Stück in Kontakt gekommen, wie ist vielleicht das Stück auch auf den Spielplan gelandet, können Sie dazu was erzählen?
Kay Metzger
Zwei Fragen, also das erste ist, ich hab es zum ersten Mal in Mannheim gesehen, am Nationaltheater in einer ganz alten romantischen Inszenierung. Ich glaub, du hast die wahrscheinlich auch gesehen, ne, oder?
Joachim Goltz
Ich war da Statist.
Kay Metzger
Statist sogar, also haben wir beide das Auge auf diese Inszenierung geworfen oder dann sogar mitgespielt und das war für mich immer ein Höhepunkt. Ich hab die bestimmt 5, 6 Mal gesehen, also weil Mannheim hat das jedes Jahr gespielt, mehrfach, und das war eine große Chance, das zu sehen. Und dann meine erste inszenatorische Begegnung war mit August Everding gemeinsam, dem damaligen Generalintendanten von München, der das in Meiningen inszenieren wollte nach der Wende, nach dem Fall der Mauer. Und der hat aber nur in der ersten oder letzten Probenwoche Zeit und es ist bei viereinhalb Stunden reiner Spieldauer ein bisschen wenig und den Rest durfte ich machen. Und da hab ich wirklich Lunte gerochen, es hat unglaublich viel Freude bereitet. Die zweite Frage: Wie kam es auf den Spielplan, weil Felix Bender und ich überlegt haben, zum Ende meiner Amtszeit es noch mal krachen zu lassen, auf gut Deutsch. Wir hatten den »Parsifal« gemacht, der hat eine sehr große Akzeptanz erfahren und jetzt waren zwei Optionen noch da. Einmal der »Tristan« oder die »Meistersinger«, aber »Tristan« hätten wir nicht mit so vielen Rollen aus dem Haus besetzen können und beim »Meistersinger« haben wir fast das gesamte Ensemble drin und das ist natürlich auch sehr schön.
Paul Zerahn
Sie haben jetzt gerade gesagt, dass das ganze Stück ziemlich lang geht, viereinhalb Stunden plus minus, wie es dann bei der Inszenierung läuft. Warum ist es so lang? Also, wieso braucht das Stück diese Länge?
Kay Metzger
Gute Frage, das ist das Stück, wo ich einmal gesagt hab, bei der Probe, bei allen Stropheneinheiten ist immer eine Strophe zu viel. Ob das der Beckmesser ist mit seinem Ständchen, der Sachs mit dem Jerum, der Stolzing mit seinem Preislied. Nein, Spaß beiseite, Das stammt natürlich aus einer Zeit, da haben die Menschen ein ganz anderes Zeitempfinden gehabt. Also, es gab kein Internet, es gab kein Fernsehen, Unterhaltung fand im Theater oder bei anderen Begegnungen, auf Bällen, wie auch immer, statt und man hat nicht diese Vielfalt und diesen Drive von heute. Von daher gesehen, war das damals für die Menschen relativ normal, diese Länge. Also, wenn man auch symphonische Programme sieht aus der Beethovenzeit, da werden wir heute kreidebleich, weil wir denken, was haben die da alles reingepackt, 'n Klavierkonzert und die Symphonie, 'n Geigenkonzert und dann noch 'ne Symphonie, weil die, das hat doch 3, 4 Stunden gedauert, würden die Leute heute gar nicht mehr aushalten. Damals war das was anderes, da hat man die Zeit war langsamer und man hat sich dem hingegeben, wobei der Wagner schon so ein Übergenauer ist. Der hat halt alles aus auskomponiert, ausgeschrieben, von daher gesehen ist es halt auch wirklich schrecklich schön lang.
Joachim Goltz
Es ist Wagner, weil es sind ja alle, alle seine Stücke sind so lang, jetzt mal gesehen vom »Holländer« und so, aber selbst der ohne Pause, zweieinhalb Stunden, kann sich auch ziehen. Und ja, das, wie gesagt, das ist einfach Wagner, der hat in seinen Klängen gebadet und hat, wie gesagt, hat auch seine Texte selber geschrieben und wenn er da mal drin war, dann war er, glaube ich, ist ihm noch was eingefallen und noch was, um nicht irgendwie schnell auf den Punkt zu kommen, sondern Baden, Baden und das Motiv noch mal und und dann können wir das da noch mal so verkleiden und vielleicht ist das ja auch noch mal lustig und aber ja, wie gesagt, wenn man drin sitzt und in so einer lustigen Inszenierung, da gehen diese viereinhalb oder mit Pausen dann fünfeinhalb Stunden relativ fix rum, glaube ich.
Vera Kunze
Auch für Sie als Darstellender auf der Bühne?
Joachim Goltz
Auf der Bühne sowieso, da geht die Zeit sehr fix vorbei, weil man ist ja sozusagen am Arbeiten. Und das das Schlimme, was heißt das Schlimme, das Harte ist, glaube ich, zum Beispiel für die für die kleineren Meister oder auch manche Leute im Orchester. Ich hab vorhin gerade mit einem Pauker gesprochen, der ist irgendwie im ersten Akt dran und dann wartet er irgendwie zweieinhalb Stunden, bis er dann auf der Festwiese noch mal trommeln darf. Also das zieht sich und so ist es eben auch für die für die kleineren Meister, die eben nur im ersten Akt, nur in Anführungszeichen, im ersten Akt dran sind. Dann haben sie sehr lange Zeit und dann sind sie wieder in der Prügelfug Ende vom zweiten Akt dran und mit Pausen sind das halt schon mal zweieinhalb Stunden. Da kannst du entweder in die Stadt gehen, Pizza essen in der Zeit oder musst dich halt noch mal frisch einsingen, wenn du dann wieder dran bist nach dieser langen Zeit.
Paul Zerahn
Wie ist das denn, wenn man so ein langes Stück hat beim Proben? Man kann ja dann irgendwie schwer sagen, O. K., wir ziehen jetzt heute mal noch ein Ablauf durch, das dauert ja dann alles.
Kay Metzger
Also ein Ablauf schaffen wir erst zur Hauptprobe 2 und zur Generalprobe, weil die Probenzeiten geben das gar nicht her. Man muss da wirklich blockweise denken und es fühlt sich jetzt bei den Bühnenorchesterproben noch einiges, aber das ist nicht so wie bei anderen Musiktheaterwerken oder eben gerade im Schauspiel, wo man 3, 4 Durchläufe vor den Hauptproben schafft, das ist hier undenkbar.
Vera Kunze
Und wenn man auf die Website schaut, dann sind da ja auch extrem viele Beteiligte aufgelistet, sowohl solistisch als auch Chor, da gibt es ja auch noch einiges zusätzlich. Welche sind denn da alle am Start?
Kay Metzger
Na ja, also es sind sicherlich so auf der Bühne so 130, 140 Personen und dann im Orchester noch mal 60, Bühnenmusik. Also wir werden so am Abend schon gut 200 Menschen im Backstage Bereich haben, die unmittelbar mit dem Bühnen und Orchesterbetrieb zu tun haben werden. Interessanterweise ist es aber keine Choroper, wo man denkt, jetzt kommt eine Chornummer nach der anderen. Das ist hat der Wagner eigenartig dosiert, ist am Anfang ein Choral, dann ganz, ganz lange nichts, eine Prügelfuge, die extrem schwer ist, die dauert aber nur 8 Minuten ungefähr, dann wieder ganz, ganz lange nichts, also Solisten, Solisten, Solisten und dann die Festwiese. Also man hat nicht das Gefühl, wie bei »Lohengrin« beispielsweise, wo der Chor dauernd singt, dauernd im Einsatz ist, dass es 'ne große Choroper ist, man hat eher das Gefühl, es ist über weite Strecken ein Kammerspiel.
Paul Zerahn
Wie ist denn die Musik, also Opern sind ja jetzt oft eher tragisch, würde ich mal sagen, von der Musik auch so 'n bisschen. Und wenn das jetzt was Komödiantisches ist, ändert sich da was?
Joachim Goltz
Nein, es ist auch für, also man klar, man hört Wagner, zwischendurch ist es richtig, gerade wenn die Chöre singen oder so, wird es opulent und und und sehr feierlich-festlich und zwischendurch ist es halt ja, wie wie wie Herr Metzger sagte, 'n Kammerspiel, wo es um den Text geht, wo halt mehr so bla bla bla komponiert ist und das auch mit mit Bedeutung, dass man es verständlich rüberbringt, weil sonst sind ja, wenn du sonst brauchst du keinen Witz zu machen, wenn es der andere nicht versteht und richtig. Und so wird es eben aufgebaut über viele diese ganzen Dialog Dinger, die eher wie gesagt so im bla bla bla Stil sind und dann zwischendurch die großen Highlights, wo es halt klanglich opulent und schön ist.
Vera Kunze
Haben Sie eine Lieblingsfigur oder eine Lieblingsszene aus der Oper?
Kay Metzger
Natürlich den Beckmesser, wen sonst?
Joachim Goltz
Sehr gut geantwortet.
Kay Metzger
Nein, also das sind viele tolle, charmante Figuren. Natürlich ist der Hans Sachs was Besonderes, aber ach nein, ich versuche alle Figuren liebevoll zu gestalten.
Vera Kunze
Und Sie?
Joachim Goltz
Ja, nee, ich habe jetzt auch gerade überlegt, aber 'ne Lieblingsszene, fällt mir jetzt auch nicht ein, das ist alles fein inszeniert und da gibt es nichts, was, was besonders raussticht, irgendwie, nee, wenn es, wenn es gut läuft, ach so, ich, ah ja, darf man das sagen, weiß ich gar nicht, gibt die eine Stelle am Ende vom vom zweiten Akt, wo ich der vermeintlichen Eva, es ist aber nicht die Eva, mein Ständchen darbringe und sie oben am Fenster: Und Da gehe ich sehr gerne, oder das ist schon zu viel verraten. Sehr gerne suche ich die Nähe zum Publikum, um es mal so zu sagen, und durfte installatorisch bei Herrn Metzger durchsetzen, dass doch da der Sachs und mich jagt durchs Publikum, also durch die 1. Reihe und das finde ich immer, das ist so eine, ich mag diese Publikumsreaktion einfach, wenn du, weil das bei Wagner nicht üblich ist, ne, da ist normalerweise großer Graben mit viel Instrumenten dazwischen und weit weg die Sänger und wenn dann wirklich bei so einem Werk dann auch mal wirklich die, die Sänger dir so auf die Pelle rücken, ist immer eine schöne Publikumsreaktion und da freue ich mich doch eigentlich da freue ich mich schon sehr drauf.
Paul Zerahn
Das klingt sehr interaktiv, haben Sie noch irgendwelche Abschlussworte, die Sie den Zuhörern und Zuhörerinnen gerne mitgeben möchten?
Joachim Goltz
Also von meiner Seite aus, jetzt, wenn, wenn du sagst, interaktiv, haben Sie keine Angst, liebes Publikum, dass Sie mitmachen müssen. Ja, Sie müssen sich nicht einsingen vor der Vorstellung, Sie werden nicht singen müssen, Sie dürfen in der Regel sitzend alles genießen und nein, interaktiv ist ist zu viel gesagt. auch wenn es mal eine lustige Idee wär, ne, Leute so richtig auf die Bühne zu holen, zum Mitmachen. Beim nächsten Mal dann, aber nein, einfach reinsetzen, genießen, wenn es ein langer Arbeitstag war und man ist müde, dann geht man halt nach dem ersten Akt und kommt zur nächsten Vorstellung, kauft man sich noch eine Karte, ist auch fürs Theater gut und guckt sich da den zweiten und dritten Akt an - als Vorschlag - und ansonsten einfach reinhocken und Spaß haben.
Kay Metzger
Ja, wir spielen es ja extra an Samstagen oder Sonntagen, Feiertagen, damit man ausgeruht sich diesem Mammutwerk stellen kann und ich hoffe, dass wir Reaktionen haben wie beim »Parsifal«, ganz anderes Genre, viel ernster, aber da haben viele aus dem Publikum zu mir gesagt, die durchaus Berührungsängste hatten, sie hätten nicht gedacht, wie schnell es rumgeht. Wenn wir das bei den Meistersingern auch schaffen, dann dickes Häkchen.
Vera Kunze
Dann danke für das Gespräch und wir sind gespannt auf die Premiere.
Kay Metzger
Wir danken.
Vera Kunze
So, von den »Meistersingern« bleiben wir im großen Haus und gehen zu »Ewig Jung«, der Schauspielproduktion, die jetzt dann Premiere hat. Und da reden wir mit der Regisseurin Sarah Kors und mit einem der Darstellenden und zwar Gunther Nickles. Genau, und um was es in dem Stück geht und was es damit auf sich hat, das ist ein bisschen ein besonderes Stück, würde ich sagen. Das hören Sie jetzt gleich.
Paul Zerahn
So, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wir sitzen jetzt hier und reden über »Ewig Jung« mit Gunther Nickles und Sarah Kohrs. Die Frage, die wir immer am Anfang stellen, für die Leute, die keine Ahnung haben, worüber wir hier reden, worum geht es denn in dem Stück?
Sarah Kohrs
Um die Zukunft. Es geht um eine Zeit in 35, 40 Jahren, wo das Theater geschlossen worden ist, das Theater Ulm, und einige letzte tapfere Schauspielerinnen und Schauspieler auf die Bühne dürfen und noch ein bisschen ihre goldenen Zeiten wieder hochleben lassen dürfen.
Gunther Nickles
Ich hab das so verstanden, dass das Theater sozusagen zum Altersheim gemacht wurde, wie das so ist. In der Kultur werden die Gelder gestrichen, die Leute werden immer älter, das ist die logische Konsequenz, ein großer Bau, viele Toiletten. Also das Theater Ulm ist 'n Altersheim und wir sind da gestrandet, wir alten Schauspielerinnen und Schauspieler.
Vera Kunze
Ist das Stück dann explizit fürs Theater Ulm konzipiert worden oder ist es quasi wie so 'n Format, was von Theater zu Theater geht? Wie kann man sich das vorstellen?
Sarah Kohrs
Nein, »Ewig Jung« ist ein festes bestehendes Stück mit Musikstücken, mit Dialogen. Also, es wird nur immer auf das jeweilige Theater zugeschnitten. Also, die Schauspieler heißen zum Beispiel überraschenderweise heißt Gunther Nickles im Stück Herr Nickles. Anne Simmering heißt Frau Simmering. Entsprechend genau wird es zugeschnitten, auch die lokalen Verhältnisse greifen wir auf, aber ansonsten ist das ein festbestehendes Stück, was auch sehr regelmäßig und immer wieder auch noch jetzt seit 25 Jahren gespielt wird.
Paul Zerahn
Ist es dann im Podium oder auf irgendeiner großen Bühne, weil Podium wär ja eigentlich spannender, oder wenn es das nur in Ulm gibt.
Sarah Kohrs
Nee, ist auf der großen Bühne.
Gunther Nickles
Natürlich ist es auf der großen Bühne. Hallo, du kriegst die besten Schauspieler vom Theater Ulm. Wohin gehören die? Auf die große Bühne und es ist natürlich auch sehr viel charmanter, wenn man sich als Zuschauer vorstellt, das Theater ist zu und die Schauspieler dürfen einfach noch mal auf diese große, die Schauspielerinnen, Entschuldigung, dürfen einfach noch mal auf diese große Bühne und da das machen, was sie früher am besten konnten, ein bisschen singen, ein bisschen Text aufsagen, aber eigentlich in erster Linie alt sein.
Sarah Kohrs
Das stimmt nicht, die sind nicht nur alt, das ist doch Blödsinn. Nein, sie sind in Wirklichkeit eine richtige Schicksalsgemeinschaft, die letzten Mohikaner sozusagen, die noch auf dieser Inselbühne existieren dürfen, wollen, können und müssen und sich da auch ja immer wieder neu finden, sich bekriegen, sich lieben und am Schluss sozusagen dann doch wissen, dass sie vereint sind.
Gunther Nickles
Ich sag jetzt noch mal, Christel Mayr zum Beispiel, die spielt so 'ne alte, gealterte, eine sehr jugendliche Diva. Christel Mayr spielt eine Diva und wenn die auftritt, auftritt oder wenn die auf der Bühne irgendwie was zu tun hat, geht sie als erstes vor an die Rampe und begrüßt die jubelnden Massen, die natürlich nicht mehr da sind. Wir sind ja in einem Altersheim und sowas erzählt sich im Podium natürlich nicht so charmant wie auf der großen Bühne mit dem Orchestergraben, in den ich einmal reinfallen muss und mit, na ja, mit allem, was die große Bühne eben so an Charme von Theater zu bieten hat.
Sarah Kohrs
Die haben auch 'n viel zu großes Ego, als dass sie nicht auf die große Bühne gehen würden.
Vera Kunze
Wenn das so um die Zukunft geht, macht das was mit einem, wenn man sich konkret mit dem Älterwerden beschäftigt und das auf die Bühne bringt, als Darstellender oder vielleicht auch als Regieperson?
Gunther Nickles
Ja, natürlich macht das was mit einem. Man spinnt einfach das, was man im Moment schon spürt, in die Zukunft weiter. Das heißt also, die Knieschmerzen, die man im Moment nur morgens hat, oder nach einer Radtour, die sind halt dann immer da. Das heißt, man stellt sich so vor, wie ist es eigentlich, wenn es immer schwerer wird aufzustehen oder das Gleichgewicht zu halten oder die Hände ruhig zu halten, damit sie nicht zittern. Ja, man denkt an die Zukunft, man denkt darüber nach, wie es ist, alt zu werden, wenn die Kollegen und Kolleginnen um einen rum plötzlich nicht mehr da sind. Das beschäftigt einen schon.
Sarah Kohrs
Ja, das beschäftigt uns alle und wir haben auch schon viel auf den Proben darüber gesprochen, was es mit einem macht, wenn man sich selbst auch so betrachtet, den Verfall quasi des eigenen Körpers betrachtet und auch den, sag ich mal, geistigen Verfall an anderen auch miterlebt. Also zwei Figuren von uns, ich sage jetzt nicht welche, sind schon relativ weggetreten. Immer wieder leben sie so in ihrer eigenen Welt oder kriegen nicht mehr viel mit und das zu sehen schmerzt ja zum Beispiel auch die Menschen, die sie umgeben, die einfach seit 50, 60 Jahren sozusagen ihren Weg begleiten.
Gunther Nickles
Es ist also ein furchtbar trauriges Drama. Nein, also wir, die Tatsache ist die, dass wir alle alt sind auf der Bühne und auch alt Spielen und auch darüber lachen können, wenn da einer halt mal sich auf die Fresse legt.
Sarah Kohrs
Doch, es gibt eine junge Figur, die gibt es auch, es gibt außerdem, muss ich erst mal sagen, es ist kein Trauerspiel, ist natürlich 'ne wunderbare unterhaltsame Geschichte und alle Zuschauerinnen und Zuschauer werden viel Freude haben, hoffe ich, weiß ich, …
Gunther Nickles
… sich wiedererkennen!
Sarah Kohrs
… sich vielleicht auch irgendwo mal wiedererkennen. Genau, und wir haben zum Vergleich dann eine junge Figur noch dabei, die Schwester, die Krankenschwester, die sich um alle kümmert. Das ist die Nachfahrin von Emma Wegner, gespielt von Emma Wegner und die zeigt ihnen sozusagen immer wieder auch ihre Grenzen auf. Sie führt ein strenges Regiment, ein sehr strenges, man hat Angst vor ihr und sie steuert immer so 'ne Gegenperspektive da, die ist ziemlich hart. Also sie singt vom Sterben, sie singt von grauem Haar und zittrigen Händen. Also wenn die kommt, ist der Spaß vorbei. Aber solange sie nicht auf der Bühne ist, ist es sehr spaßig.
Paul Zerahn
Habt ihr sowas Ähnliches schon mal gemacht? Das ist ja jetzt eigentlich was ziemlich Einzigartiges.
Gunther Nickles
Inwiefern einzigartig? Wir hatten schon Liederabende, wir haben schon Theaterstücke gespielt, ich hab auch schon alt gespielt. Also dieses Setting ist allerdings tatsächlich neu für mich, dass das Theater zum Altersheim gemacht wurde und das hatte ich so noch nicht.
Sarah Kohrs
Ja, jedes Stück ist, wenn du so willst, einmalig und aber ich glaube auch, auch ich hab schon relativ viel musikalische Unterhaltung gemacht, auch hier schon, auch mit Gunther schon. Und insofern ist das ganz schön, eigentlich ehrlich gesagt, dass wir alle uns schon ganz gut kennen und trotzdem jetzt auf diese neue Reise zusammen gehen durften.
Paul Zerahn
Und so spezifisch sich selber auf die Bühne zu stellen, mehr oder weniger, ja klar, aber?
Sarah Kohrs
Es bleiben ja trotzdem Figuren. Ja, also wir spielen uns ja nicht 1 zu 1 selber, aber es soll nah an einem dran sein, es soll 'ne Glaubwürdigkeit geben, dass das eben die, die man selbst in der Zukunft ist. Aber wie das echte Selbst aussehen wird, kann man ja sowieso nicht vorhersagen.
Gunther Nickles
Ja, ich hab aber beim Lesen trotzdem auch gedacht, oh, was ist das denn für 'ne Idee, Gunther Nickles spielt Gunther Nickles in 30 Jahren, oder also ich fand das, es ist ja für 'n Schauspieler immer dann leicht oder leichter, was zu spielen, was möglichst weit weg ist von einem selbst. Und das Altwerden ist aber nicht so weit weg von einem selbst. Deswegen hoffe ich, dass wir auch nicht nur was Lustiges oder was Dramatisches, sondern auch was zu Herzen gehendes erzählen, weil es uns alle eben betrifft. Und auch ihr werdet irgendwann älter werden und zwar früher als euch lieb ist . Ich sag es nur. Wenn man mal die 30 überschritten hat, dann denkt man, ja, ja, keine Angst, nein, aber dann denkst du auch so, Gott, war das schnell, verdammt, wo ist die Zeit hin? oder bei dir nicht, du.
Sarah Kohrs
Ach na ja, aber und es bleibt auch noch genug Zeit, würde ich sagen. Also nein, aber es ist eben, es, es tut auch gut, sich ernsthaft damit zu beschäftigen auf den Proben, also und sich dem zu stellen. Aber deine Frage war ja, sind sie es selber? Nein, sie sind, sie spielen sozusagen eine Fassung von sich selbst, die aber keiner ja in dem Sinne vorhersagen kann.
Vera Kunze
Vorhin habt ihr schon erzählt, wenn die Schwester immer nicht da ist, dann ist ganz viel Spaß auf der Bühne, im Stück. Habt ihr auch bei den Proben irgendwie dann besonderen Spaß oder ist das eher 'ne anstrengende Probenzeit?
Sarah Kohrs
Er weint die ganze Zeit. Ja, nein, das ist natürlich sehr lustvoll und freudvoll, aber es ist auch 'n Stück harte Arbeit und man sagt immer, damit es leicht aussieht, muss es hart erarbeitet werden und das ist auch, glaub ich, bei uns so.
Gunther Nickles
Ja, wie das bei Komödien so ist, der Witz funktioniert, dann am besten, wenn das Timing sehr gut ist und zum Timing gehören eben alle 5, 6 Leute auf der Bühne mit dazu. Das heißt, wenn einer plötzlich sich in die Nase schneuzt, dann kannst du links 'n Witz spielen, da lacht kein Mensch, weil er woanders hingeguckt hat. Also es ist wirklich akribische Arbeit, Arbeit, damit es lustig ist und leichter aussieht am Schluss.
Vera Kunze
Dann vielleicht noch auf 'ne bisschen 'ne andere Richtung, wenn jetzt das Theater zum Altersheim wird, wie kann man sich das dann, ah nein, warte, die Frage hat sich gerade selber geklärt. Weil die sind ja auf der Bühne, sind die dann, aber wenn die Schwester dann kommt, löst sich dann die Bühne auf?
Gunther Nickles
Nein, nein, das Theater ist wirklich das Gebäude, das du da hinten siehst, das weiße denkmalgeschützte Theater von 68 ist einfach umgewandelt und die Bühne ist halt da. Wahrscheinlich sind wir hinten, haben wir unsere Pflegezimmer und unsere Räumchen, aber wir dürfen halt einmal die Woche oder vielleicht auch jeden 2., 3. Tag auf die große Bühne, da hat jeder sein Stühlchen stehen, es gibt 'n Klavier, aber wir haben noch einen Pianisten oder eine Pianistin dabei, die uns mit Musik beschallert und unterstützt, die auch alt ist oder der alt ist, je nachdem wer kommt. Also nein die Bühne gehört zum Altersheim dazu.
Vera Kunze
Dann ist die Frage geklärt.
Paul Zerahn
Habt ihr denn irgendwas, was ihr in diesem Zuge den Zuhörern und Zuhörerinnen noch mitgeben möchtet?
Gunther Nickles
Mensch, Leute, kauft so früh wie möglich Karten. Ich glaube, wenn es ein, zweimal gelaufen ist, ist es immer ausverkauft.
Sarah Kohrs
Das wollte ich auch sagen. Nein, aber ich finde auch, es erzählt ja was von Abschied und wie wichtig uns das Theater ist. Und da es ja auch ein kleiner Abschied im Sommer hier sein wird, ist das, glaube ich, auch ein guter Anlass, sozusagen jetzt noch mal in dieser Spielzeit zu kommen und noch mal das Theater in dieser Form zu erleben.
Vera Kunze
Danken wir euch für das Gespräch und wir sind gespannt, wir werden schnell Karten besorgen.
Sarah Kohrs
Absolut.
Paul Zerahn
Kommen wir nun zur letzten Schauspielproduktion dieses Jahr und zwar »Vater Unser«. Eigentlich eine ziemlich interessante Geschichte, oder?
Vera Kunze
Total und da reden wir jetzt mit Jessica Cremer drüber, die das Ganze im Podium inszeniert hat.
Paul Zerahn
Viel Spaß.
Vera Kunze
Hallo liebe Zuhörer, wir sind jetzt hier mit Jessica Cremer, die Regie geführt hat bei »Vater Unser«. Jessica, möchtest du dich kurz vorstellen?
Jessica Cremer
Gerne, gerne. Also, mein Name ist Jessica Sonia Cremer. Ich bin freischaffende Regisseurin und zurzeit auch Dramaturgin am Theater Ulm. Ich mache eigentlich gerne Stoffe oder setze gerne Stoffe im Theater um, die eine zwischenmenschliche Beziehung klar darstellen beziehungsweise zwischenmenschliche Beziehungen an einem Wendepunkt, gerne auch aus sozialen Bereichen, die vielleicht, sag ich jetzt mal, dem geläufigen Theaterpublikum nicht so oft in ihrer Alltagswelt begegnen.
Paul Zerahn
Und das bringt es jetzt vielleicht gleich zu »Vater Unser«. Möchtest du einmal sagen, worum es in dem Stück geht?
Jessica Cremer
Ok, worum es da geht, also ich fang mal ganz von vorne an. Also »Vater Unser« ist ursprünglich ein Roman von der Autorin Angela Lehner, der ist mir auch paar Jahre erst nach der Veröffentlichung begegnet. Ich glaub so 2020 hab ich den entdeckt und hab eigentlich damals gedacht, das ist 'n toller Stoff für die Bühne. Drum hab ich das dann im Theater Ulm vorgeschlagen, die waren so nett und haben das dann auf den Spielplan gesetzt. Ich hab dann eine Bühnenfassung von dem Roman gemacht. Der Roman ist eigentlich sehr komplex, weil er begleitet die Titelfigur Eva Gruber, die sehr humorig ist. Also einen sehr zynischen, bissigen Humor, 'n bisschen menschenverachtend, dass man sich manchmal selber erschreckt, dass man da mit lacht oder mitgeht und denkt, das ist gar nicht korrekt jetzt gerade. Aber ich glaub, das ist auch gerade der Reiz an der Figur. Sie scheint eigentlich alles unter Kontrolle zu haben, aber bald merkt man halt sie als Protagonistin und damit als auktoriale Erzählerin auch für uns, stellt sie uns vor Wahrheiten oder vermeintliche Wahrheiten, die wir dann immer wieder überprüfen müssen. Und gerade, das ist das Spannende bei dem Roman, und ich hoffe auch bei der Inszenierung, dass man am Ende noch mal vieles überprüfen muss, was man gerade gelesen beziehungsweise gesehen hat. Im Grunde lässt sich nämlich diese Protagonistin scheinbar freiwillig einweisen, beziehungsweise wird von der Polizei in eine relativ bekannte Psychiatrie nahe Wien gebracht und zwar weil sie angeblich eine Kindergartenklasse erschossen hat. Also es wird ganz schnell klar, das ist auch was, was sie vorgegeben hat, was nicht so passiert ist. Und dann erleben wir sie in den verschiedenen Therapiestunden, wo sie meint, auch den Takt anzugeben und wie diese Therapie verläuft. Also sie wandelt 'n bisschen durch diese Zeit in der Psychiatrie, als wär sie da zu Gast oder sie hätte das Sagen. Man erkennt dann nach kurzer Zeit, dass sie einen Plan verfolgt und nicht nur wieder Kontakt zu ihrem Bruder aufzunehmen, der ebenfalls in der Psychiatrie ist, weil er stark magersüchtig ist und scheinbar auch eher aus psychischen Gegebenheiten und nicht aus ästhetischen Gründen, wie manche Menschen in die Magersucht geraten. Und zu diesem Bruder hatte sie wohl lange keinen Kontakt, hatte ihn aber immer über die Jahre im Blick und fühlte sich sehr verantwortlich. Und dann irgendwann konfrontiert sie ihren Bruder mit ihrem sogenannten Plan, der etwas absurd ist und man erst auch nicht ganz versteht, warum sie diesen Plan vorschlägt. Denn der Plan ist, den Vater zu ermorden. Wir erleben auch immer wieder Rückblicke, also nicht nur aus den Therapiestunden heraus, sondern aus ihren Erinnerungen. Und da sind auch viele Momente dabei, die sehr harmonisch scheinbar zu sein scheinen, mit ihrem Leben zusammen mit dem Vater oder kleine, feine, nette Jugendkindheitserinnerungen. Und dann aber kommt der Bruch, wo sie meint, der Vater habe der die Familie damals verlassen und somit den Bruder und sie in diese psychische Grenzsituation, in der sie sind. Also man bekommt den Eindruck, dass in diesen Rückblenden und Erinnerungen von Eva ein sehr enges oder harmonisches Verhältnis zwischen ihr und dem Vater herrschte. Drum ist man noch erstaunter, dass sie diesen Plan verfolgt. Aber in ihren Erinnerungen kommt auch der Einschnitt, dass der Vater die Familie verlassen hat und somit einen Einschnitt, eine Kerbe, den beiden Geschwistern gegeben hat, eine psychische Kerbe, eine Verletzung und ein kleines Trauma verursacht hat. Jetzt möchte ich vielleicht nicht zu viel verraten, weil da kommt nämlich noch 'n Twist, 'n kleiner Plot, der sich dann im Laufe des Romans beziehungsweise des Theaterabends entwickelt.
Vera Kunze
Und der Titel des Stücks »Vater Unser« bezieht sich das, der Titel auf die Figur des Vaters oder hat das was Religiöses, weil »Vater Unser ist ja ganz klassisch dieses Gebet aus dem Christentum?
Jessica Cremer
Genau, also es ist nämlich von Frau Lehner, denk ich, bewusst oder relativ sicher doppeldeutig gedacht. Einmal natürlich ›unser Vater‹, also der Vater von den beiden Geschwistern Bernhard und Eva, aber auch die beiden sind im religiösen Kärnten aufgewachsen und das Leben ist auch sehr katholisch geprägt. Auch gerade für die Figur der Mutter war immer, wie Eva mal sagt, alle Autoritäten und es waren zuerst die Kirchenmenschen und nachher waren es die Ärzte und Therapeuten, die für sie irgendwie das Allheilwissen hatten. Und natürlich, also beides steckt in dem Titel drin.
Paul Zerahn
Und gibt es für diese ganzen Dinge, wo man nicht weiß, sind die wirklich passiert oder erfindet die Eva die nu, gibt es da irgendwas, wo man dran festmachen kann, dass es passiert und dass es eine ein ein Hirngespinst, wenn man das so formuliert, oder hast du vielleicht auch was eingebaut, was vielleicht nicht so betitelt wird oder wo man vielleicht dann beim Zuschauen merkt?
Jessica Cremer
Also das Ding ist natürlich, ich sag jetzt mal, die Eva in dem Roman, wir hören oft ihre innere Stimme, ihre Kommentare, also einmal die bissigen Sachen über Personen und so weiter, aber auch Kommentare zu Erinnerungen. Das hab ich natürlich versucht mit der Schauspielerin Alexandra Ostapenko, dass wir sozusagen ein Upper, also also immer ein eine Kontaktaufnahme mit dem Publikum, ne, dass man merkt, das ist noch mal ein Kommentar. Es gibt paar Sachen, zum Beispiel, die in den Therapiestunden, die sie da erwähnt, die sehr drastisch sind, also wie ein eventueller Missbrauch durch den Vater. Da ist aber eigentlich ganz klar, so wie dieser Therapeut, dieser Chefpsychiater sozusagen, darauf reagiert, dass das nicht ernst zu nehmen ist, wie sie das beschreibt. Im Laufe der Proben hatten wir trotzdem natürlich so paar Feedbacks und auch manche Menschen, die den Roman vorher gelesen hatten aus dem Ensemble, haben das irgendwie missgedeutet. Ich hab den natürlich wirklich sehr oft gelesen und wieder überprüft und da mussten wir dann einfach sagen, wir müssen das noch klarer machen, müssen es klarer machen, dass das für die Zuschauer, dass sie da nicht lange, ich sag jetzt mal ganz salopp, kleben bleiben und denken, der Vater hat wirklich die beiden Kinder missbraucht, dass sie das halt sehr theatral, sehr überzeichnet macht, dass man wirklich weiß, also wenn es wirklich ein Trauma, ein einschneidendes Erlebnis wäre in ihrer Kindheit, Jugend, dann würde sie damit anders umgehen. Also da haben wir einfach das theatrale Mittel der Überzeichnung, wenn sie darüber spricht, um klarzumachen, dass das halt eine reine Provokation, Erfindung ist in der Therapiestunde. Das andere Mittel, was wir noch gemacht haben, wir haben sozusagen mit auch aus dem Filmbegriff eigentlich Voice Over, wenn sie in Erinnerung geht, die jetzt nicht in der Therapie stattfinden, sondern vielleicht getriggert werden durch Zusammenkünfte mit ihrem Bruder oder durch Therapiestunden, die wir nicht erleben, weder im Roman noch auf der Bühne, dass sie in Erinnerungen oder dass sie Erinnerungen wieder wachholt. Aber da sind auch Erinnerungen, die sie durch ein anderes traumatisches Ereignis anders gefärbt hat, also wo sie selber ihre Realität neu geformt hat. Also deswegen sind auch manche Erinnerungen, die sie glaubhaft für sich als aufrichtige Wahrheit empfindet, falsch. Und das löst sich aber hoffentlich zum Ende.
Vera Kunze
Also, geht es ganz viel um Selbst- und Fremdwahrnehmung und die Diskrepanz, die dazwischen herrscht.
Jessica Cremer
Na ja, es ist ja, ich find es, was ja also super spannend sowieso ist, Erinnerung, ne, wenn wir beide jetzt oder wir drei uns an diese, an diesen Moment zurück erinnern, werden wir uns anders erinnern, ne, also Erinnerung ist immer sehr subjektiv, aber man kann, was mir wichtig ist, da ist ein traumatisches Ereignis passiert und das finde ich sehr faszinierend, weil in der Traumaforschung kann es wirklich passieren, dass ein traumatisches Ereignis gerade in der Kindheit so heftig ist für den jungen Menschen, dass er das komplett verdrängt und das ist halt in Evas Kopf beziehungsweise mit der Eva passiert. Also, sie hat was komplett ausradiert und hat sich eine neue Realität dazu geformt und und ich glaub, das ist noch mal was anderes als Selbst- und Fremdwahrnehmung, ne. Natürlich, dass es Evas Selbstwahrnehmung ist eine sehr spezielle, weil sie sehr überzeugt ist. Also sie hat auch 'ne narzisstische Störung, kann man ganz klar sagen. Also sie ist auch immer im Recht so und das ist natürlich dann spannend, auch im Ensemble, wie reagieren die anderen Figuren da drauf. Aber ich glaube, vielmehr ist es der Kern, was kann eine traumatische Erfahrung mit einem jungen Menschen machen, das was komplett entfernt wird aus der Erinnerung?
Vera Kunze
Das finde ich aber total schön irgendwie, dass so dieses Thema, was schon ja auch eher tabuisiert ist, so Traumata, da so eine Bühne bekommt. Das hoffe ich, dass das gut rüberkommt. Paul, hast du noch eine Frage?
Paul Zerahn
Mich würde interessieren, ob es dann irgendwie, ob man das Gefühl hat beim Inszenieren, dass man in irgendeiner Form eine eine Message an Eltern irgendwie formulieren muss, wenn es drum geht, dass ein Kind aufgrund der Erziehung irgendwie jetzt leidet, ist vielleicht das falsche Wort, aber so beeinträchtigt ist, ob man dann, ob der, ob man das Gefühl hat, irgendwie man möchte dann Eltern irgendwas mitgeben.
Jessica Cremer
Ich bin selber keine Mutter, ich hab sehr viele junge Menschen um mich rum, die mir wichtig sind und ich sehe auch verschiedene Erziehungsmodelle und natürlich, wir alle haben Eltern und niemand kriegt 'n Fahrplan. Das ist leider so. Also deswegen hab ich großen Respekt, wenn man sagt, ich möchte ein Kind in die Welt setzen und den Menschen auf seinem Leben begleiten oder bringen, weil wie gesagt, da gibt es keinen Fahrplan und es gibt kein Richtig und Falsch. Ne, also wichtig ist halt dem Kind, glaub ich, Liebe mitzugeben, Liebe und Verständnis und also bei der Figur der Eva, das war scheinbar immer 'n schwieriges Kind mit einem großen Aggressionspotential und ich glaub, da wurden die Eltern so 'n bisschen an ihre Grenzen geführt. Also Liebe ganz wichtig, Verständnis und jetzt zum Beispiel kann ich nur sagen, da ist 'ne Mutter, die zwei erwachsene Kinder hat, die ihre ihre Probleme mit sich haben und mit sich und der Welt und die Mutter ist da. Also sie versucht es zumindest, ne, auf ihre spezielle Art ist nicht immer alles richtig, aber sie ist da und ich glaub, das ist so das Wichtige. Und im Bezug auf die Vaterfigur, egal wie ein Elternteil geht, ne, also Kinder fühlen sich immer verlassen oder im schlimmsten Fall denken sie noch daran, dass sie mit eine Schuld haben, ne? Und das ist ganz schlimm. Also ich glaube, selbst wenn, also in dem Fall, ich will jetzt wieder gesagt, nicht zu viel verraten, aber wenn man ein Kind verlässt oder oder für sich keinen anderen Weg findet, ich finde es ganz wichtig, wenn man ein Elternteil ist, doch zu wissen, was man den Menschen damit mitgibt, im schlimmsten Fall antut, die man da zurücklässt, ne. Aber wie gesagt, also ich finde, egal wie schwierig Kinder sind, also da sein, dranbleiben und auch wenn Kinder sich von den Eltern entfernen, warten, irgendwann schafft man es vielleicht wieder, die Anknüpfung zu finden.
Vera Kunze
Waren jetzt sehr schöne Worte zum Abschluss. Möchtest du noch irgendwas anderes zum Abschluss sagen, irgendwas, was dir noch auf der Seele brennt?
Jessica Cremer
Also, was ich mir natürlich auch wünsche, also, weil so ging es mir mit dem Lesen des Romans, dass ich dann auch wieder anfing, halt Dinge, die mir die Eva im Laufe des Romans erzählt hat, zu überprüfen. Also man fängt dann noch mal an, den Roman zu lesen. Ich kann natürlich jetzt nicht den Ulmer Zuschauer sagen, gehen Sie noch mal rein in die Vorstellung, aber vielleicht regt es ja dann noch mal an, wenn nicht schon im Vorfeld gelesen, den Roman noch mal zu lesen, weil natürlich muss man sich leider in der Bühnenfassung von sehr vielen schönen Momenten verabschieden.
Vera Kunze
Dann danke für das Gespräch.
Jessica Cremer
Sehr gerne euch.
Vera Kunze
So, Paul, und jetzt kommen wir noch zu einem Beitrag, der für uns auch eine ganz besondere persönliche Relevanz hat und zwar:
Paul Zerahn
…die Bürgerbühne Musiktheater. Und zwar haben wir dieses Jahr eine Uraufführung.
Vera Kunze
Von dem Stück »Das Atelier am Bodensee«.
Paul Zerahn
Und da reden wir nicht nur mit den Regisseur Benjamin Künzel und einer der Darstellenden Lena Blind, sondern…
Vera Kunze
… auch mit dem Komponisten selbst, Ulrich Wiederspahn.
Paul Zerahn
Was für eine interessante Konstellation. Viel Spaß.
So, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wir haben jetzt unser Gespräch für »Atelier am Bodensee« mit Benjamin Künzel, dem Regisseur, Ulrich Wiederspahn, der uns die seltene Gelegenheit bietet, mit dem noch lebenden Komponisten zu sprechen, und Lena Blind, die die Reporterin bei der Blindzeitung spielt. Vera, möchtest du mal anfangen?
Vera Kunze
Genau, unsere erste Frage ist: Ulrich und Benjamin, könnt ihr in jeweils einem Satz sagen, worum es in der Operette geht? Einer darf anfangen, der andere darf dann den zweiten Satz machen.
Ulrich Wiederspahn
Im Atelier am Bodensee geht es um eine Künstlervereinigung, die sich über Betrug Ruhm erschleicht.
Benjamin Künzel
Lustig, was du beschreibst. Ich hätte jetzt in einem Satz gesagt, es geht um die Frage, was ist Kunst und was ist sie wert und das anhand von ganz vielen verschiedenen Menschen, die mit Kunst oder Möchtegern-Kunst und Möchtegern-Kunstverstand in Berührung kommen.
Ulrich Wiederspahn
Ja, genau, das kann man auch natürlich so sagen. Es kommt ja eben drauf an, ob man jetzt mehr von der Handlung ausgeht oder von mehr von dem, was inhaltlich so passiert, was so thematisch passiert. Aber ja, beides hat seine Richtigkeit.
Vera Kunze
Und Ulrich, wie kam es zu der Idee für das Stück?
Ulrich Wiederspahn
Tatsächlich weiß ich noch genau, wie es zu dieser Idee gekommen ist und zwar: Ich hab meine Bachelorarbeit gemacht über Musik und Malerei, über die Verbindung von diesen beiden Kunstrichtungen und das hat mich so fasziniert, dass ich selber angefangen habe, zu malen. Aber weil ich selber überhaupt nicht malen oder zeichnen kann, hab ich angefangen abstrakt zu malen und hab da sehr viel Farbe auf Leinwände verschleudert. Das hat sehr, sehr viel Spaß gemacht und irgendwann in so einer schlaflosen Nacht hab ich mal irgendwie den Gedanken gehabt, eigentlich schade. Ich hab sie zu viele Leinwände vollgemalt mit Zeug, das steht jetzt bei mir rum, ich weiß gar nicht wohin damit, alle kann ich nicht an die Wand hängen. Eigentlich wäre es ja lustig, wenn man die irgendwie loswerden könnte, wenn man sie zum Beispiel verkaufen könnte oder so. Aber ich mein klar, ich kann ja nicht malen, warum sollte die Dinger jemand kaufen? Und dann hab ich gedacht, hm, aber wenn man jetzt irgendjemanden fände, irgend so eine Autoritätsperson, die behaupten würde, diese Sachen, die der Ulrich da gemalt hat, die sind richtig toll, das ist richtig große Kunst, dann könnte das ja tatsächlich sein, dass es genug Spekulanten oder Kunstinteressierte, vermeintlich Kunstinteressierte gibt, die sich das tatsächlich für viel Geld kaufen würden. Und ich fand diesen Gedanken so witzig, dass ich mir das aufgeschrieben hatte und damit war im Prinzip die Grundidee zum »Atelier« schon geboren.
Paul Zerahn
Und wieso hast du dann aus dieser Grundidee das Genre Operette gewählt?
Ulrich Wiederspahn
Einfach weil ich jetzt hier über den Jugendclub beziehungsweise die Bürgerbühne selber fünf Jahre Operette mitgespielt habe, entweder als Darsteller oder als Klavierbegleiter. Und das hat mir so viel Spaß gemacht und dieses Genre hat dann auch die entsprechenden Möglichkeiten, glaub ich, dass man mit so einem witzigen Stoff gut umgehen kann, weil wie der Benjamin ja immer gesagt hat, ist die Operette ein Genre, was ich selber nicht ernst nimmt. Und deswegen hatte ich das Gefühl, das ist das Genre, mit dem man ganz frei umgehen kann, mit dem man so ein Blödsinn versuchen kann.
Vera Kunze
Und Benjamin, wie ist die Inszenierung des Stücks, also ist es anders als zu den vorherigen Jahren, eben weil es 'ne neue Operette ist?
Benjamin Künzel
Nee, ich glaub, das liegt gar nicht daran, dass es 'ne neue Operette ist, wobei ich vielleicht 'n bisschen, es ist das erste Mal, dass ich 'n Stück mit der Bürgerbühne mache, dass ich nicht selber bearbeitet hab und das macht für mich einen riesigen Unterschied, dass es quasi nicht meine Sprache ist, die da auf dem Papier steht oder meine Entscheidung, was ich jetzt rumschnipsel und rumschiebe und ob ich aus drei Leute, zehn Leute machen. Man hat ja quasi bei der Bürgerbühne auch immer Besetzungen, die jetzt alles andere als ökonomisch sich auswirken auf die Personage eines Stückes. So das ist dieses Jahr tatsächlich für mich ein bisschen anders, auch weil ich da mit einer gewissen Ehrfurcht dran gehe, weil der Autor kann mich halt noch quasi klatschen dafür, was ich gemacht habe. Deswegen fass ich nicht alles in der Form an, wie ich das sonst vielleicht machen würde, beziehungsweise es gab schon 'n paar Gespräche, auch zwischen Ulrich und mir, wo ich noch gesagt hab: ›Hey, du, an der Stelle müsste man oder wie wär es da?‹ Es ist anders. Und gleichzeitig bleibt die Arbeit an der Bürgerbühne, die, die es jedes Jahr ist, nämlich mit jungen Leuten Musiktheater zu kreieren, denen beizubringen, warum Sprechen und Singen zusammengehören, warum Selbstironie aus meiner Sicht total wichtig ist, warum es und wie es geht, vor allem warum es wichtig ist, über den Schatten zu springen und loszulassen und sich nicht so bierernst zu nehmen.
Vera Kunze
Jetzt hast du die perfekte Überleitung gemacht, Lena, wie bist du in die Bürgerbühne gekommen und was hältst du von der ganzen Veranstaltung?
Lena Blind
Ja, wie bin ich in die Bürgerbühne gekommen? Also ich bin nach Ulm gezogen, tatsächlich auf der Suche nach jungen Menschen und Kultur und das fasst eigentlich die Bürgerbühne ziemlich gut zusammen. Ja, also ich hab das einfach eigentlich ganz klassisch gegoogelt, geschaut, was gibt es denn da und war dann sehr erfreut, dass es eben nicht nur Theater gibt, sondern auch Musiktheater, das sowohl Theater und Musik eben verbindet, was ich ganz, ganz besonders fand und ja, für mich eigentlich noch mal extra spannend war auch eben dieses Genre Operette, mit dem ich davor jetzt eigentlich wirklich noch gar nicht in Berührung gekommen bin. Also ich hab mir dann mal eure vorherigen zwei Produktionen angeschaut, tatsächlich und war dann auch ganz begeistert und hatte dann auch direkt Lust, selbst irgendwie noch mal mit auf die Bühne zu springen. Genau, aber auch das fand ich eigentlich super bereichernd, mal eben das Genre Operette kennenzulernen und was Benjamin jetzt auch meinte, mit dieser Selbstironie, sich nicht selbst so ernst zu nehmen, über den eigenen Schatten zu springen, finde ich was, was man sehr, sehr gut hier lernen kann.
Paul Zerahn
Was nimmst du jetzt so aus dem letzten Jahr mit, was würdest du sagen, hast du gelernt?
Lena Blind
Ich glaub, das würd ich jetzt eigentlich ganz genau gleich beantworten, so dieses Selbstironie, über den Schatten springen, Ausdruck und ja, einfach auch Lust haben, ganz viel Blödsinn zu machen und sich das zu trauen und auch festzustellen, hey, das ist was Bereicherndes, was Cooles, ja, was, was einfach ganz viel Freude bereitet.
Benjamin Künzel
Ergänzend zu dem, was Lena gerade gesagt hat, hoffe ich auch immer, dass diejenigen, die mitmachen, mitnehmen, wie man auf Augenhöhe agieren kann, auch wenn man aus ganz verschiedenen Generationen kommt oder in ganz verschiedenen Altersgruppen unterwegs sind. Wir haben jetzt als untere Altersgrenze bei der Bürgerbühne 15 Jahre. Offiziell ist ist 25 die Obergrenze. Es gibt aber auch einige, die so 'n bisschen über der 25 schon drüber sind, die einfach aus den vergangenen Jahren noch mit dabei geblieben sind. Und das empfinde ich immer so als ganz großen Lerneffekt in der Beobachtung auch von außen, dass eben Leute mit so unterschiedlichen Lebenserfahrungen, nämlich ein ein Fünfzehnjähriger duettiert mit einer Vierundzwanzigjährigen und spielt da zum Beispiel ein Liebespaar, was das mit Persönlichkeiten macht, was das mit einem Selbstvertrauen macht, zu sagen, hier geht es gar nicht um Hierarchien und wer hat jetzt was zu sagen und ich folge, sondern wir begegnen uns alle auf einer Ebene. Ich geb mir auch Mühe, auch wenn ich das anleite, alles ernst zu nehmen, was mir da erstmal entgegenkommt und sehr erwachsen klingt irgendwie, ist 'n fürchterliches Wort, aber sehr erwachsen miteinander zu kommunizieren und umzugehen.
Paul Zerahn
Ulrich, du bist ja, wie du gesagt hast, du warst hier ja auch schon mal, du bist ja fünf Jahre lang eben auch Teil dieses Ensembles gewesen, sowohl auf der Bühne als auch am Klavier und was erhoffst du dir jetzt von dieser Uraufführung?
Ulrich Wiederspahn
Ich muss zugeben, dass als ich angefangen hab, diese Operette zu schreiben, dass ich immer so ein wenig im Hinterkopf hatte, das wäre schon super, super toll, wenn ich die ans Theater Ulm, in den Jugendclub, in die Bürgerbühne bringen könnte, weil ich mein, sind wir ehrlich, ich mein, ich bin Freizeitkomponist, ich mach das aus Hobby, das macht mir Spaß, ich hab aber nicht die Ambition damit, dass keine Ahnung an an der, was weiß ich wohin zu tragen, das brauche ich auch gar nicht und deswegen habe ich mich so irre gefreut, als dann der Benjamin mich angerufen hat und dann tatsächlich gefragt hat, ob er das Stück haben kann. Da bin ich, na ja, war ich, wusste ich gar nicht mal, was ich sagen soll, weil ich das so toll fand und ich weiß nicht, das kam trotz allem irgendwie recht überraschend für mich. Ich habe nicht damit gerechnet, dass das wirklich passieren würde, Deswegen hab ich da jetzt nicht viel erwartet in dem Sinne und ich hab aber jetzt über die Zeit hinweg die Erfahrung gemacht, dass es schon irgendwie 'n gewissen Mut braucht, sein Stück aus der Hand zu geben, einfach weil man, ihr müsst euch ja vorstellen, ich trag ja diese Ideen jetzt irgendwie auch schon, ich glaub drei Jahre oder sowas mit mir rum, ne? So die ersten Sachen und die ersten Melodien, es sind auch schon lange her, dass ich sie notiert hab. Das heißt, irgendwie, man wächst als Autor, als Komponist, ja schon mit seinen Sachen so zusammen. Es ist irgendwie so das eigene Baby, was man lieb hat, was man gern hat, an dem man so liebevoll rumgeschraubt hat. Und dann kommt ein Regisseur, ja, es ist vielleicht ein komisches Bild, an einem Baby rumzuschrauben, aber dann kommt eben ein Regisseur um die Ecke und sagt, du, guck mal an der und der Stelle, da müsste man vielleicht noch mal was anderes machen und dann siehst du, mhm, ja, Ok, ich sehe, was er meint, verdammt, was mache ich jetzt damit. Und das dann aus den Händen zu geben und zu sagen: ›Jetzt, Herr Regisseur, jetzt machen Sie mal.‹ Es ist ein bisschen ein komisches Gefühl, muss ich zugeben, obwohl ich in Benjamin größtes Vertrauen habe, weil ich weiß, wie er arbeitet, weil ich seine Sachen auf der, also das, was er auf die Bühne gebracht hat, jetzt schon sehr oft gesehen hab und ich hab es eigentlich immer gemocht. Und trotzdem, ich habe bisher von den Proben nichts mitbekommen, ich habe noch gar nichts gesehen, ich bin sehr, sehr gespannt, wie ich jetzt heute Abend dann tatsächlich da drauf reagieren werde.
Paul Zerahn
Und gleichzeitig, wenn du sagst, es so aus der Hand zu geben, merkst du bei dir irgendwie so das Bedürfnis, selber was damit machen zu wollen oder vielleicht so 'ne Sorge, wie die Leute es jetzt aufnehmen, wenn du es nicht selber in der Hand hast, wie es inszeniert wird, weil du es ja nicht selber inszenierst.
Ulrich Wiederspahn
Jein, also ich hab von Anfang an versucht, diese Sorge ganz, ganz, ganz klein zu halten, die gar nicht erst hochkommen zu lassen. Und das war der Grund, weshalb ich auch mit mir selber ausgemacht hab, ich halt mich aus diesem Probenprozess komplett raus. Ich besuch vorher keine Probe, ich komm nicht irgendwie vorbei und keine Ahnung, sag dann noch irgendwie was. Ich hatte mir die Frida eigentlich so in die und die Richtung vorgestellt oder versucht den Pianisten noch irgendwelche Fingersatztipps zu geben oder zu sagen, das Tempo hatte ich mir eigentlich ursprünglich ganz anders vorgestellt und sowas, weil ich eben genau diese Befürchtung hatte. Dann passiert es, dass man irgendwie auf einmal zwei Leute auf auf der Bühne hat. Also der eine ist Regisseur und der andere spielt Regisseur und ich glaube, das crasht total und das sollte, sollte nicht so sein. Und ich glaube, das Beste ist, wenn einfach jeder seine Rolle kennt und dabei bleibt. Ich bin der Autor und Komponist, das heißt, ich liefere euch ein Stück, ihr dürft damit was machen. Benjamin ist der Regisseur, er überlegt, wie bringe ich das auf die Bühne, dass es verständlich ist. Ihr seid die Darstellerinnen und füllt diese Rolle mit Leben und ich hab dann also ab diesem Prozess sozusagen nicht mehr mitzureden, sondern ich schau mir das dann an und freu mich an dem, was ihr aus meinem Text rausgeholt habt.
Vera Kunze
Dann wollt ich noch was zur Musik fragen, weil wir haben ja besondere Situationen, dass man die nicht anhören kann. Also wir haben schon irgendwie so 'ne Computerdatei bekommen, wie halt das so aufgeschrieben wurde, aber Lena hat es irgendwie den Prozess des Erlernens auch von der Musik, die ja 'n großer Teil ist, erschwert oder wie, was kannst du dazu sagen?
Lena Blind
Ich würd sagen, es hat es vor allem noch mal spannend gemacht, weil es dadurch auch vielleicht manchmal noch mal Stellen gab, die man füllen konnte im Prozess, im Probenprozess und die man vielleicht auch neu erfinden konnte, durfte. Und ich empfand das eigentlich als 'ne große Bereicherung, dass man auch selber noch mal, wir als Darstellende, als Regisseur, als musikalische Begleitung, die wir hatten, noch mal die Lehrstellen füllen konnten, die vielleicht da waren oder noch mal was dazu erfinden können. Ich weiß gar nicht, ob ich es jetzt als Lehrstelle bezeichnen würde. Ja.
Benjamin Künzel
Ja, hätte ich noch ergänzend, weil das für mich tatsächlich auch so der Moment war, ich wusste, Ok, das ist jetzt die Musik von Ulrich und so hat er sich das vorgestellt und Ulrich hat ja auch dankenswerterweise zu Beginn der Probenphase mit uns 'n paar Stunden mal im Chorsaal verbracht und hat uns den ganzen Klavierauszug vorgespielt, so dass ich 'n Eindruck bekommen konnte, was er sich gedacht hatte oder was so vom Charakter her ist. Und ich hab total lange gebraucht, das merk ich auch da, auch das war neu, bis ich damit so frei umgehen konnte, wie ich das mit anderen Komponisten auch machen würde. Also auch ein Johann Strauß wird von mir mit ganz viel liebevollem Respekt verwurstet. So und jetzt musste ich mich erst mal trauen, Wiederspahn zu verwursten und gleichzeitig der Musik, weil sie halt zum ersten Mal auch erklingt, immer noch ihr Recht einräumen, überhaupt erst mal erklingen zu dürfen, bevor man sie durch den Fleischwolf dreht. So diese Balance zu kriegen, also Ulrich, ich hoffe, du wirst nachher bei der HP2 nicht einfach nur schreiend unter dem Stuhl verschwinden. Es gibt doch Ecken drin, die du wahrscheinlich so nicht notiert hast. Ich sage es jetzt gleich schon mal.
Ulrich Wiederspahn
Ja, also da, da muss ich dazu sagen, ich glaube, es gibt niemanden, von dem ich mich lieber verwursten lassen würde als von dir. Also da mach ich mir keine Sorgen und ich hab vorhin gesagt, ich weiß absolut noch gar nichts, das stimmt nicht ganz. Ich hab ein paar ganz kleine Probenvideos, sind mir schon mal gezeigt worden. Also so ganz kleine Ausschnitte hab ich schon gesehen und das fand ich sehr lustig, weil einmal war eben auch eine Nummer dabei, da hast du Vera gesagt, ja die, die, die hat Bums und ich hab gesagt, was, die hat doch keinen Bums, was redest du denn da? Und dann hat sie mir das Video vorgespielt und ich dachte, ach krass, ja, wenn man es so singt, dann hat es tatsächlich Bums. Das hab ich so nicht komponiert, aber es funktioniert und es ist im ersten Moment natürlich eine riesen Irritation, aber im zweiten Moment freut man, freut man sich echt wie Bolle, weil man sich denkt, hey, geil, da hab ich was geschrieben, das kann man völlig anders lesen und das funktioniert immer noch und das ist ein, das ist, das ist wirklich toll.
Vera Kunze
Dann würd ich sagen, wir sind gespannt auf die Premiere, habt ihr noch irgendwelche letzten Worte, die ihr teilen wollt?
Urich Wiederspahn
Ich freue mich, danke.
Vera Kunze
Dann danke fürs Gespräch.
Paul Zerahn
Tschüss.
Vera Kunze
So, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, das war es mit dem Podcast für diese Spielzeit.
Paul Zerahn
Vielen Dank, dass Sie uns über die ganzen letzten Monate so eifrig verfolgt und zugehört haben. Wir wissen das sehr zu schätzen.
Vera Kunze
Und wir hoffen, dass Sie einiges mitnehmen konnten von unseren Beiträgen, dass Sie neue Einblicke und vielleicht auch Inspirationen gefunden haben und ja, wir hoffen, dass Sie zufrieden sind.
Paul Zerahn
Und damit schicken wir Sie nun ins Spielzeitende. Hoffentlich kommen Sie noch mal ins Theater und schauen sich eine der letzten Vorstellungen an, die jetzt noch laufen.
Vera Kunze
Und hoffentlich kommen Sie auch nächste Spielzeit ganz fleißig wieder ins Theater, um vieles hier anzuschauen.
Paul Zerahn
Bis nächste Spielzeit.
Vera Kunze
Bis nächste Spielzeit.
Paul Zerahn und Vera Kunze
Tschüss.